Vortrag, gehalten am 15. Juli 2026 im Rahmen des Internationalen Thomas-Mann-Festivals „Die Zeit is aus den Fugen. Die Hoffnung“ im Thomas-Mann-Museum.

So rasch geht die Zeit. Es ist fast unglaublich, dass 1989 schon 20 Jahre zurückliegt – das ist eine Generationenspanne. Es gibt Schüler und Studenten, die nach dem annus mirabilis geboren sind, für die  das alles buchstäblich Vorgeschichte ist. Uns, denen, die – wie  auch immer dabei gewesen sind – erscheint es wie gestern. Wer von uns erinnert sich noch daran, dass die U-Bahn in der Zeit, als wir in Westberlin studieren, Bahnhöfe passierte, die zugemauert waren und an denen Grenzer patrouillierten? Wer weiss überhaupt noch, wo die Mauer genau verlaufen ist? Und wer erinnert sich an einen Polenmarkt an der Stelle, wo heute der neue Potsdamer Platz war, eine sandige Fläche mit abgestellten Wohnwagen und einer nach Nirgends führenden Magnetschwebebahn, Philharmonie und Staatsbibliothek wie Weltraumschiffe in einer Grenzlandschaft? 20 Jahre sind eine lange Zeit, aber auch eine kurze Zeit, wenn man von Langzeitgedächtnis, von longue durée spricht. Ihre Intervalle sind nicht die von Legistlaturperioden, von Kanzlern und Kanzlerinnen, sondern eher von Generationen oder sogar Epochen. So wie 1989 ganze Generationenhorizonte sich aufgelöst haben, so sind neue entstanden. Es wäre seltsam, wenn sich mit diesen fundamentalen Veränderungen nicht auch die Erinnerung, unsere Vorstellung von der Vergangenheit ändern würde. Es ist nichts Erschreckendes daran, sondern gerade ein Beleg für die Lebendigkeit  eines Geschichtsbewußtsein, dass jede Generation sich aufs Neue ein Bild macht von der Vergangenheit, neue Fragen an die Vergangenheit richtet, sich diese neu aneignet, ja neu aneignen muss. Die folgenden Betrachtungen stammen von jemandem, der bewußt 1986 und 1989 miterlebt hat, dessen prägende Erfahrung von Europa aber die der Grenze  war. Ich rechne mich der Marienborn-Generation zu: es sind jene, deren innere Landkarte von dieser Erfahrung geprägt worden ist: vom Zug, der angehalten und kontrolliert wird, wo die immergleichen blöden Fragen nach Sprengstoff und Schusswaffen gestellt wurden, wo Literatur beschlagnahme wurde von Grenzbeamten, die selber gerne über die Grenze gefahren wären, wenn sie nur gekonnt hätten. 

Veränderte Koordinaten. Die Wende von 1989 hat einen neuen Erfahrungsraum geöffnet. Die Koordinaten, in denen die Generationen nach dem Krieg aufgewachsen sind, haben sich grundlegend verändert. Es gab nicht mehr Ost oder West, sondern etwas dazwischen, das mittlere Europa. Städte, die jahrzehntelang unerreichbar waren, waren plötzlich in die Nachbarschaft gerückt. Städte und Landschaften, die man nur aus der Literatur, aus Filmen oder aus der familialen Erzählung kannte, waren mit einem Mal erreichbar, nahe gerückt. Man konnte sich darin bewegen und umsehen. Mit dieser Öffnung änderte  sich fast alles: der Erfahrungsraum, der Aktionsradius, die Urlaubspläne und vielleicht sogar die Lebensplananung. Nun konnte man nach Prag und Krakau zum Studieren gehen, nicht nur nach Montpellier oder Oxford. 

Asymetrie der Wahrnehmung, Asymetrie des Interesses. Bekanntlich gab es in dem, was bis 1989 Westeuropa hiess, keinen run nach Osten. Das Interesses war mäßig,  sogar in einem einst geteilten Deutschland. Ganz anders im östlichen Europa. Dort hatte man sich schon immer mehr für das interessiert, was im Westen passierte: für Literatur, Ideen, Moden, vor allem aber: Freiheit. 1989 war nun die grosse Chance, sich selber umzusehen, und sie brachen auf, zu Millionen, zur Stipvisite, zur Bildungs- und Erkundungsreise, zum Studium, dann auch zur Suche von Arbeit. Das östliche Europa holte nach, was ihm so lange vorenthalten war. Eine Explorationsbewegung größten Ausmaßes. Das kann man vom westlichen Europa – auch dies nur ein Hilfsbegriff – nicht sagen. Die Neugier hielt sich in Grenzen, zeitweilig  überwogen sogar allerlei  Befürchtungen (Ansturm von Arbeitssuchenden, Abwanderung der Industrien, wachsende Kriminalität usf.). Und doch bliebt nichts wie es war. Neue Erfahrungen sickern ein, man muss sich neu orientieren. Alles braucht seine Zeit, aber es geschieht unvermeidlich, denn auch „den“ Westen als altvertraute Region gab es so nicht mehr. Das erweiterte Europa ist nicht die alte  „EU plus Beitrittsländer“, sondern ein Europa, das sich neu zusammensetzt, das sich neu vergewissert und anfängt, sich von sich selbst ein neues Bild zu machen. Das neue Europa ist etwas anderes und mehr als nur die Addition von Ost- und Westeuropa. 

Asymetrie der Erinnerung. Langzeitfolgen der Teilung.  Europa hat in der  halbhundertjährigen Zeit seiner Teilung verschiedene und unterschiedliche Erfahrungen gemacht. Wer welche Erfahrungen gemacht hat, verdankte sich den Zufällen der Geopolitik am Ende des Zweiten Weltkriegs. Europa hat sich auseinanderentwickelt – sozial, politische, kulturell, mental, sodaß  vieles heute als Sensation erscheint, was es längst schon einmal Wirklichkeit war in der Zeit vor den Weltkriegen. Diese Unterschiedlichkeit der Erfahrung produziert unterschiedliche Zentren des geschichtlichen Interesses, eine  unterschiedliche Perspektive, eine unterschiedliche Sensibilität für  unterschiedliche Themen. Seltsam, wenn dem nicht so wäre. In der  Wahrnehmung der jüngsten Vergangenheit gibt es andere Zäsuren mit anderen Bedeutungen. Welches Datum man auch nimmt, es knüpfen  sich daran verschiedene Erfahrungen: 1945, 1948, 1953,  1956, 1961, 1968, 1981, sogar 1989. Das ist eine lange, d.h. prägende Zeit. Diese unterschiedlichen Erfahrungen lassen sich nicht einfach und nach Wunsch in einem „gesamteuropäischen Narrativ“ zusammenfassen. 

Die Doppelerfahrung des östlichen und mittleren Europa als Erfahrungs- und Erkenntnisprivileg. Das östliche und mittlere Europa war der Hauptschauplatz der Weltkriegs- und Revolutionsepoche, des 30-jährigen Krieges und der mit ihm  verbundenen und in vieler Hinsicht präzendenzlosen Gewaltentfaltung. Diese Region des Kontinents geriet zwischen die Hauptfronten des europäischen Bürgerkriegs, zwischen Nationalismus und Kommunismus,  zwischen deutschen Nationalsozialismus und Sowjet-Kommunismus. Es ist der Hauptschauplatz des Genozids an den  europäischen Juden, einer systematischen sozialen und ethnischen Säuberungspolitik, das Aufmarschgelände der größten Kriegsmaschinen und der verbrannten Erde, grosser erzwungener Bevölkerungs- und Fluchtbewegungen, und  einer Befreiung, die in vieler Hinsicht Ablösung der einen durch eine andere Fremdherrschaft war. Es gibt keinen Punkt auf der Landkarte dieser Region, keine Familie, keine Biographie, die nicht von dieser Doppelerfahrung gezeichnet waren. Es handelt sich um die Kernzone des „Jahrhunderts der Extreme“. Diese Tatsache ist noch nicht überall in Europa angekommen. Krieg ist Krieg, Besatzung ist Besatzung – aber zugleich stimmt: es gibt verschiedene Kriege und Besatzungsregime, die nicht dieselben sind. Auf den mental maps der mittleren und  östlichen Europäer finden sich Namen, die im Westen oft nur exotisch klingen – Trostinec, Solovki, Katyn, Vinnica, Babyj Jar. Diese extrem verschiedenen Erfahrungen zusammenzudenken, läßt sich nicht im  Hauruckverfahren bewerkstelligen, sondern braucht Zeit. Es gibt kein Schema F für den Umgang mit  der Geschichte, es gibt kein „deutsches Modell“, das manche gerne exportieren möchten, da es Situationen gibt, die ungleich komplizierter sind als der deutsche Fall. 

Ende der Flucht nach Westen. Im Jahre 1989 ist Deutschland in gewisser Weise von Europa eingeholt worden, die Deutschen sind nach dem Ende der Teilung in die Einheit entlassen worden. Ihnen rückt eine Geschichte wieder nah und sie rücken in ein Netz von Beziehungen ein, das sie selber zerstört und aus dem sie sich selber herauskatapultiert hatten. Nun lag die ganze Geschichte wieder vor Augen und das Gelände, in dem sie sich ereignet hatte. Da gab es die Geschichte der Zerstörung, aber auch eine Geschichte davor, Jahrhunderte und Generationen, in denen die Deutschen selbstverständlicher und fester Teil des östlichen Europa waren. Die deutsche Geschichte, die manche als „langen Weg nach Westen“ sehen, ist wieder dort angekommen, wo sie sich immer abgespielt hat, im mittleren Europa. Damit kehren auch alte historische Beziehungen in den deutschen Horizont zurück. Es zeigt sich nun, dass es eine Geschichte vor der Katastrophengeschichte gegeben hat, eine Geschichte, die nur wenig bekannt ist, und die älter ist als die Nation und der Nationalismus, und eine, die zu studieren sich durchaus lohnt. 

Ausweitung des geschichtlichen Horizonts. Die westlichen Europäer, die ihre östlichen Nachbarn verstehen wollen, werden nicht darum herumkommen, sich mit deren Erfahrungen zu beschäftigen. Das ist nicht  wenig  verlangt, und  die Warnung von einer allzu grossen „Fernsten-Erinnerung“ liegt nahe. Es gibt schlicht Grenzen des Wissens, der Anteilnahme, der Fähigkeit, sich in andere Erfahrungswelten hineinzudenken. Bekanntlich hat es sogar in Deutschland ziemlich lange gedauert, bis man in dem Schatten, den Auschwitz geworfen hat, endlich auch die anderen gesehen und anerkannt hat: die Polen, die sowjetischen Kriegsgefangenen, die Zwangsarbeiter. Die europäische Geschichte endet nicht an der heutigen EU-Aussengrenze. Eine Erinnerung, die nichts übrig hat für die Opfer des Terrors in der ehemaligen Sowjetunion, und eine Erinnerung, die nicht auch die Insassen des Gulag einschliesst, ist in einem bestimmten Sinne unglaubwürdig und  verdient es nicht, europäisch genannt zu werden. 

Geschichtsrevisionen und Kampf um Deutungshoheit. 1989 war der  Beginn einer stürmischen Neu- und Umbewertung der Vergangenheit – der letzten 50 Jahre,  manchmal  auch der ganzen Nationalgeschichte. In jedem Land ging das auf verschiedene Weise vor sich und umfaßte das ganze Spektrum von beherzter und gründlicher Aufarbeitung bis zu Reideologisierungen und neuen Mythenbildunungen. Die Auseinandersetzung spielte sich auf vielen Ebenen ab: im Kampf um Denkmäler, Strassennamen, Lehr- und Schulbücher, öffentliche Kontroversen um für das kollektive Bewußtsein zentrale Daten, Jubiläen, Feiertage, die Errichtung von Gedenkstätten und Museen. Fast jedes Land hat hier seine dramatischen Höhe- und Knotenpunkte, seinen Denkmalsstreit. Fraglos ging es um Reinterpretationen des Geschichtsbildes, die fällig waren; ebenso oft ging es aber um veritable Kämpfe  um die Deutungshoheit und Meinungsführerschaft. Die  Tilgung von „weissen Flecken“ an der einen Stelle war oft verbunden mit dem Entstehen neuer „weisser Flecken“ an einer anderen. Und selbstverständlich geht es nicht um blosse Fragen der Geschichtswissenschaft und des Geschichtswissens,  sondern um Fragen der nationalen oder kollektiven Identität, um die Gültigkeit oder Ausserkraftsetzung einer sog. Meistererzählung. Der Vergangenheitsdiskurs ist in vielen Fällen nur die verklausulierte und maskierte Form einer aktuellen politischen Auseinandersetzung, ein Stellvertreterkampf, ausgetragen in historischen Kostümen. Das macht sie interessant, relevant, aber auch gefährlich: Auseinandersetzungen um Geschichtsfragen werden instrumentalisiert für tages- und oft parteipolitische Interessen. 

Es ist eine Frage der politischen Kultur, auch der Geschichtskultur, des Umgangs mit der Vergangenheit, wie solche Kontroversen ausgetragen werden: sachlich oder polemisch, forciert oder gelassen, ideologisch oder aufklärerisch, pluralistisch oder monolithisch, besserwisserisch oder einer Sache und den Personen gerecht werdend, einfühlsam oder denunziatorisch, moralistisch oder konkret argumentierend, nostalgisch oder gegenwartsbewußt. Es ist wie immer der Ton, der die Musik macht. Eine solche Geschichtskultur entsteht nicht über Nacht, und auch in Deutschland, wo man so stolz auf das Geleistete in Sachen Vergangenheitsbewältigung, Geschichtspolitik etc. ist, hat es eine Weile gedauert und ist nicht ohne heftige Konflikte abgegangen. Warum sollte es anderswo nicht ebenso seine Zeit brauchen. Neue angemessenere, „wahrere“ Geschichtsbilder lassen sich nicht dekretieren, sondern entstehen in einer ziemlich komplizierten Auseinandersetzung.

Erinnern und Gedenken oder wieviel Erinnern erträgt oder braucht der Mensch.  Es gibt eine Erinnerung, die vergeht: nämlich die aus eigener  Erfahrung gespeiste, unmittelbare Erinnerung. Sie stirbt mit den Menschen und wird abgelöst durch ein Andenken und Gedenken, das vermittelt ist. Es kommt  die  Zeit, das es keine unmittelbare Erinnerung mehr geben wird. Wir, die Nachgeborenen, können die Erfahrungen, die andere gemacht haben, nie einholen. Und es gehört auch zu einer Gedenkkultur – im Unterschied zu einem zur Routine gewordenen Betrieb – dass sie diesen Unterschied respektiert. Sich in den Erfahrungshorizont einer anderen Generation hineinzudenken, ist nicht Sache eines Crashkurses oder gut gemeinter Ermahnungen, sondern ist Sache von Bildung, Takt, Feingefühl. An einer Erinnerung, die über der Vergangenheit die Gegenwart vergisst, stimmt etwas nicht. Die Zuwendung zu Toten, die nicht getragen ist von der Achtung für die Lebenden, ist irgendwie unglaubwürdig. Es gibt neben einer allseits bekannten Geschichtsvergessenheit auch dessen Pendant – Geschichtsversessenheit, eine Obession, die den Vorteil hat, dass man – vorübergehend wenigstens – der Gegenwart entgehen kann. Manchmal bewegt man sich in der Vergangenheit, die übersichtlich und  abgeschlossen ist, leichter als in der unübersichtlichen Gegenwart. Man kann sich hinter einer bewältigten Vergangenheit auch verstecken und der Gegenwart, die unendlich kompliziert ist, ausweichen. Die Betriebsförmigkeit der Erinnerung und des Gedenkens ist ein Hinweis darauf, dass etwas nicht stimmt mit  der Erinnerung. Erinnerung und Gedenken sind im übrigen nicht  beliebig machbar, nicht restlos verfügbar für irgendwelche „Erinnerungsstrategien“ und „Geschichtspolitiken“, wie das im „Erinnerungs-Diskurs“ oft angenommen wird. Sie hat ihren eigenen Rhythmus, ihre eigene Dynamik.   

Wenn es wahr ist, dass jede Generation die Geschichte neu schreibt, dann heißt dies, dass es keinen automatischen Transfer von Generation zu Generation gibt, dass die veränderten Bedingungen sich niederschlagen im Geschichtsinteresse und Geschichtsbild. Selbstverständlich sieht das Bild einer Generation,  die nicht durch  den Krieg, die nicht durch die Auseinandersetzung mit der Kriegsgenerations, sondern durch die neuen Verhältnisse einer Einwanderungslandes geprägt ist, anders aus. 

Europäische Erinnerung als work in progress. Raum der Erzählungen. Es gibt mehr oder weniger gelungene Versuche, ein europäisches Geschichtsnarrativ, eine europäische Geschichte auf einen Blick und meist aus der Vogelperspektive zu entwickeln: Norman Davies, Gert Maak, Tony Judt u.a. Aber solche Zusammenschauen sind doch nicht das, was man sich unter einer integrativen Erzählung, in der die vielen  widerstreitenden Erfahrungen aufgehoben sind, versteht. Es kann sie auch nicht geben – vorerst jedenfalls nicht. Eine Erzählung kann nie weiter sein als die Erzähler selbst und eine wahrhaft europäische Erzählung wird es erst geben, wenn sich so etwas wie ein europäischer Erfahrungshorizont herausgebildet hat, also in nicht absehbarer Zukunft. Das Optimum derzeit wäre nicht eine synthetische, wohl auch nur krampfhaft erzählbare gemeinsame Geschichte, sondern der Versuch, die verschiedenen Erzählungen zu Gehör zu bringen. Das ist schwer genug, fast unmöglich, denn es wäre eine Erzählung von Verletzungen und Kränkungen. Eine Geschichte der Zumutungen, eine Polyphonie der Geschichten, streckenweise dissonant und kakophon. Wenn die Europäer es aushielten, sich diese ihre Geschichten anzuhören – so wäre das mehr als man derzeit erwarten kann. Dringlich ist also nicht die eine gemeinsame Geschichte, sondern dass der Raum, in dem die konkurrierenden Interpretationen und nationalen Narrative zu Gehör gebracht werden, nicht gefährdet wird. 

Nicht des happy ends wegen. Von Europa heute zu reden, ohne von seiner Kraft, Schönheit und Herrlichkeit zu sprechen, wäre ganz falsch und unangemessen; nicht deshalb weil wir unbedingt ein happy end bräuchten. An Europa zu arbeiten, ohne auch seinen unüberbietbaren Reichtum, seine Unterschiede, Kulturen, Sprachen, Kunstwerke zur Kenntnis zu nehmen, wäre ganz sinnlos. Das 20. Jahrhundert, das Europa so verwüstet und um seine Stellung in der Welt gebracht hat, ist nur eine Schicht. Es ist Zeit, auch die anderen freizulegen. Europa, das nur ein Erinnerungsprojekt  wäre, wäre verloren, ein Reservat für alte Leute, eine Art Themenpark und Puppenheim für den globalen Tourismus. Aber jeder, der sich umsieht in Europa, weiss, dass es pulsiert, arbiter, funktioniert – über die Grenze von gestern hinweg, selbstverständlich, fast so als hätte es eine Teilung nie gegeben. 

(Abgedruckt in: Auf der Sandbank der Zeit. Der Historiker als Chronist der Gegenwart, München: Hanser Verlag, 2025, S.79-88)