Vortrag, gehalten am 13. Juli 2026 im Rahmen des Internationalen Thomas-Mann-Festivals im Thomas-Mann-Museum.
Es war der Vorabend von Johannisfest, einer der ersten wirklich heißen Nachmittage dieses Sommers in Litauen, als mich ein Freund anrief und vorschlug, die Kinder ins Auto zu packen und zum Baden nach Trakai zu fahren. Er kam ziemlich schnell vorbei, gegen fünf Uhr. Er war guter Stimmung, hatte es jedoch sehr eilig. Im vergangenen Sommer waren wir gemeinsam schon einmal dorthin gefahren, deshalb wusste ich genau, wie der Ablauf sein würde: wo wir das Auto parken, welches Tretboot wir nehmen und auf welcher Insel im Galvė-See wir baden gehen werden. Damals hatten wir uns allerdings verspätet und gerade noch die letzten Sonnenstrahlen des Tages erwischt. Deshalb dachte ich, er beeile sich diesmal deswegen. Damit diesmal alles besser wird als damals. Mehr Sonne, wärmeres Wasser, längeres Baden.Doch kaum waren wir losgefahren, gestand er mir bereits an der ersten Kreuzung, dass der Grund für seine aufgeregte Eile viel tiefer lag. „Ich glaube, ich habe eine Midlife-Crisis“, sagte er, „denn noch nie habe ich so deutlich gespürt, wie schnell die Zeit vergeht. Deshalb will ich diesen Sommer bis auf den Grund ausschöpfen. Alles genießen, was er zu bieten hat.“ Und an diesem Abend hielt er dieses Versprechen sich selbst gegenüber mit aufrichtiger Konsequenz. Kaum waren wir zur Insel hinübergefahren, stand er – noch bevor er mit dem Baden fertig war – noch im Wasser und googelte, wann in Kernavė die Kupolė-Feuer entzündet würden. Denn wir mussten es auch noch dort hinschaffen. Also eilten wir zurück. Wir fuhren in Eile dorthin. Dann galt es ausgiebig und gut zu essen. Am Feuer auf dem Hügel versuchten wir, möglichst nah zu stehen und möglichst lange zu bleiben. „Oh, unten im Tal wird der Opferaltar angezündet – lass uns schnell dahin.“ „Jetzt werden oben auf dem Hügel die Fackeln entzündet, lass uns hinauf.“ „Bleiben wir noch ein bisschen.“ Wir kamen viel zu spät nach Hause. Und doch hatte man am Ende das Gefühl, dass, soviel der Tag uns auch geben konnte, wir haben ihn nicht völlig ausgeschöpft. Wie in dem Gedicht von Tarkowskis Vater aus dem Film „Stalker“:„Nun ist auch der Sommer vorbei,als wäre er gar nicht gewesen.In der Sonne ist es noch warm,doch das ist zu wenig.“ Seit einiger Zeit werde ich und viele Menschen in meinem Umfeld und meiner Generation von diesem Fluch begleitet. Immer mehr Möglichkeiten, das Leben nach dem Lustprinzip zu gestalten, immer größer der Wunsch, das flüchtige Glück des Augenblicks zu erhaschen. Doch die Zeit vergeht immer schneller, und der Moment des Glücks scheint immer kürzer zu werden. Außer dem nächsten flüchtigen Vergnügen findet sich kein anderer Trost.Gerade dann, in diesem kurzen Augenblick des Glücks, erfahren wir, wie einsam wir sind. Sonst gäbe es in den sozialen Netzwerken nicht so viele Bilder, mit denen Menschen prahlen wollen, wie gut es ihnen gerade geht. Sie gleichen dem Ausruf eines Kindes, das eben erst Fahrradfahren gelernt hat: „Mama, schau, wie ich fahren kann!“ Es ruft, weil es in diesem Moment Spaß hat und möchte, dass andere sich an dem Spaß auch freuen. Instinktiv versteht es, dass Freude etwas ist, das man teilen möchte. Es weiß jedoch noch nicht, dass sich nur die Mutter oder der Vater aufrichtig darüber freuen können, dass es ihrem Kind gut geht.Im Grunde aber ist das Vergnügen immer zuerst mein eigenes Vergnügen. Ich kann also so viele Fotos hochladen, wie ich will – davon, wie gut es mir geht oder wie köstlich ich gerade esse –, doch das „Gefällt mir“, das viele anklicken, bedeutet meist nur den Wunsch, an meiner Stelle zu sein. Auf einen Post, der sagt: „Schaut, wie gut ich es habe“, lautet die eigentliche Antwort meist: „Ich wünschte, ich hätte es so gut.“ Mehr bedeutet dieses Herzchen nicht. Wer dieses Prinzip besser verstanden hat, macht daraus sofort ein Geschäftsmodell: „Möchtet ihr, dass es euch genauso gut geht wie mir? Dann sollt ihr das hier kaufen und konsumieren.“
Natürlich erleben wir Freude auch gemeinsam mit anderen – beim Volleyballspielen, auf Reisen oder beim gemeinsamen Mittagessen. Doch auch dann setzt das voraus, dass jeder Einzelne in diesem Moment für sich selbst Freude empfindet. Nur die wenigsten von uns – vielleicht nur Mütter – können aufrichtig sagen: „Mir geht es allein deshalb gut, weil es dirgut geht.“ Dazu passt noch ein weiteres Gedicht, von Salvatore Quasimodo:„Ein jeder steht allein auf dem Herzen der Erdegetroffen von einem Sonnenstrahl:und gleich ist es Abend.“Im Bemühen, noch den letzten Sonnenstrahl zu erhaschen, sich noch ein weiteres – vielleicht das letzte – Vergnügen dieses Tages zuzuziehen, erkennt der Mensch, dass er allein ist. Und dann senkt sich die Dunkelheit. Es scheint, als jage ganz Europa in letzter Zeit verzweifelt dem letzten Strahl der Abendsonne hinterher. Zugleich wächst die Ahnung, dass das Beste bereits fast vorüber ist. Mit dem, was bleibt, werden wir allein zurechtkommen müssen. So viele Menschen und doch jeder für sich.Wenn der Mensch seine einsame Vergänglichkeit spürt, versucht er, in dieser Welt Wurzeln zu schlagen. Auch wir haben gerade ein Grundstück auf dem Land gekauft; ich möchte dort ein Haus bauen. Je klarer mir wird, dass ich eines Tages nicht mehr hier sein werde, desto stärker versuche ich, Wurzeln in die Erde zu treiben. Als hängte ich mir einen schweren Anker um den Hals, in der Hoffnung, er könnte mich länger hier festhalten. Doch wenn ich mit der Motorsense eine Fläche von einem halben Hektar mähe und dafür zwei Tage brauche, und eine Woche später alles schon wieder überwuchert ist, wird mir bewusst: Sobald mir irgendwann die Kraft dazu fehlt, wird nicht einmal mehr eine Spur davon bleiben, dass ich dort gewesen bin und überhaupt gemäht habe. So kommt hier zu der Einsamkeit natürlich die große Frage nach dem Sinn dazu. Welchen Sinn hat es überhaupt, dort zu mähen, wenn doch alles so schnell wieder zuwächst?Ich erinnere mich gut an die letzten Notizen meines Großvaters, die auf dem Tisch neben dem Sofa lagen, auf dem er seine letzten Tage verbrachte. Nur wenige Worte: Garten, Wohnung, Auto. Wenn einem plötzlich mit aller Klarheit bewusst wird, dass man selbst nicht bleiben wird, beginnt man danach zu suchen, was man hinterlässt. Denn zum ersten Mal wird einem so deutlich, dass man alles, was man besitzt, zurücklassen muss und absolut nichts mitnehmen kann. Dass am Ende der Tod alles besiegen wird, wird einem nur schleichend bewusst. Der Mensch bemerkt nicht, wann er die Grenze zwischen „Alles liegt noch vor mir“ zu „Alles liegt schon in der Vergangenheit“ überschreitet. Solange man jung ist, wartet das Leben noch, alles scheint noch bevorzustehen. Dann beginnt nach und nach der Rücken zu schmerzen, man blickt häufiger zurück, als erwartungsvoll nach vorn. Und auf das, was kommt, wartet man irgendwann nicht mehr – man fürchtet es. Und eines Tages, irgendwo im Baumarkt „Senukai“ (bei mir war es so), schnürt dir ein Schmerz plötzlich so sehr die Brust zu, dass dir der Gedanke kommt: Das könnte es jetzt gewesen sein. Das ist das Ende all der Vergnügen.In diesem Augenblick bleibt kein Platz mehr für kluge oder philosophische Gedanken – nur für einen einzigen: Noch nicht. Noch ein bisschen. Nur noch ein kleines bisschen. Aber sobald diese erste Warnung doch noch vorübergeht, weiß man mit nüchterner Klarheit: Eines Tages wird auch für mich alles zu Ende sein. Nicht für irgendeinen alten Menschen (er ist ja alt, für ihn wäre es ja normal), sondern für mich. Selbst wenn ich dann schon alt sein werde, wird dieses Ende sich trotzdem verfrüht anfühlen. Ich werde sterben. Ich bin sterblich. Alles ist sterblich. Und selbst wenn ich plötzlich, friedlich und ohne Schmerzen sterbe, sodass ich nichts mehr davon bemerke, wird der Tod für mich selbst trotzdem zu früh gekommen sein.Wobei wahrscheinlich ist das noch die beste, die wünschenswerteste Variante, auf die viele von uns hoffen. Plötzlich zu sterben. Denn viele müssen zuvor noch eine lange Zeit leiden. Zunächst gibt es Leiden, die schmerzhaft, aber natürlich sind. Solche, denen sich niemand entziehen kann. Unsere körperlichen Beschwerden. Die Einsamkeit, wenn man keinen Partner gefunden hat. Sehnsucht. Kritik. Die Kluft zwischen dem, wie ich es gern hätte, und dem, wie ich es schaffe. Dinge, die quälen, aber nachvollziehbar sind. Ein Leid, das das Gefühl nicht zerstört, dass diese Welt einer klaren und gerechten Ordnung folgt. Dass es einen Kreislauf gibt. Dass man erntet, was man sät. Dass in der Natur zwar jeder jeden frisst, der Mensch sich dem aber widersetzen können sollte. Dass alles endet, aber aus der Asche neues Leben entsteht. Und so weiter. Daneben gibt es jedoch immer auch ein kaum erklärbares, unverhältnismäßiges Leid – wie eine Strafe für nichts. Vor einiger Zeit las ich auf Delfi einen Artikel über einen Bauarbeiter, der beschlossen hatte, auf Zypern Geld zu verdienen. Schwarzarbeit – aber für den doppelten Lohn wie in Litauen. Er wollte das Haus seiner Familie vergrößern und ließ sich deshalb darauf ein. Er flog hin, arbeitete einige Wochen fleißig und gönnte sich an einem Wochenende ein wenig Erholung. Er ging ans Meer, sprang kopfüber ins Wasser und brach sich die Wirbelsäule. Er war nicht versichert; im Krankenhaus in Nikosia häufte sich für ihn eine Rechnung von hunderttausend Euro an. Seine Frau verließ ihn. Er kehrte im Rollstuhl nach Litauen zurück. Heute lebt er bei seinen Eltern, die bereits Rentner sind, und sein Vater trägt ihn von Zeit zu Zeit mitsamt dem Rollstuhl aus dem fünften Stock hinunter, damit er ein wenig an die frische Luft kommt. In Panevėžys nennt man Menschen wie ihn „alkaniai“ [die Hungernden]. Das ist ein Mensch, den das Schicksal in unverhältnismäßiger Weise bestraft hat. Quasi für nichts. Ein solches Leiden für einen einzigen unbedachten Sprung. Wobei Wladimir Putin weiterlebt, ohne dass ihm etwas passiert.Das Ausmaß dieses unverhältnismäßigen, scheinbar sinnlosen und unverdienten Leidens in der Welt ist kaum zu begreifen – besonders in unserer Zeit, in der wir über alles informiert sind. Solange solches Leid Tausende von Menschen gleichzeitig trifft, aber ein Tausend Kilometer entfernt von uns, können wir den Blick noch abwenden. Trifft es jedoch einen einzelnen Menschen in unserer Nähe, müssen wir es in seiner ganzen Schwere miterleben. Ein Freund von mir hatte eine Schwester. Sie hatte das Down-Syndrom. Ein kleines Mädchen, erst wenige Jahre alt. Dann kam noch eine weitere, schwere körperliche Erkrankung hinzu. Und er pflegte sie – obwohl er selbst kaum älter als sie war. Jeden Tag ging er sie im Krankenhaus besuchen: einmal direkt nach der Schule und ein zweites Mal nach dem Training. Zweimal täglich. Doch seine kleine Schwester starb. In ihren letzten Tagen schaute sie ihn nur noch mit ihren großen, fragenden Augen an. Nach ihrem Tod trennten sich die Eltern plötzlich. Und obwohl inzwischen drei Jahrzehnte vergangen sind, kann er sich bis heute nicht damit abfinden, dass diese Welt eine gerechte, gute und vernünftige Ordnung sein soll. „Wofür?“, fragte er mich einmal, an Whisky und Tränen fast erstickend, wie eine Figur aus Swjaginzews „Leviathan“. „Wie hat sie das verdient? Und ich? Was haben wir getan, dass wir das so früh verdienen mussten?Ob diese Welt gerecht ist oder nur ein Chaos ohne letzten Sinn und ohne moralische Richtung – das ist wohl eine der grundlegendsten Fragen des Menschen. Miguel de Unamuno schreibt, dass in jedem von uns eine tiefe Sehnsucht nach Sinn lebt. Und dies bedeutet für den Menschen unbewusst die Hoffnung, dass Liebe und Güte nicht vom Tod besiegt werden. Fast jeden Tag aber erschüttert irgendetwas diesen unbewussten Wunsch. Selbst damit wir essen können, wird heute irgendein Lebewesen in einem Käfig gehalten und gequält.Während der Dreharbeiten zu einem meiner Filme, als ich nach einem Krankenzimmer suchte, sprach ich mit der Leiterin einer Palliativstation. Sie sagte zu mir, wir könnten zwar über sinnstiftendes Leiden sprechen, doch ihrer Patientin, die an Darmkrebs im Sterben lag, würde sie diesen Trost niemals zuzusprechen wagen. Seit zwei Wochen habe diese Frau das Gefühl, als bewege sich ein scharfkantiger Glasbrocken, größer als sie selbst, durch ihren Körper. Und es gebe kein Schmerzmittel, das diesen Schmerz lindern könne. „Da, hören Sie, wie sie schreit?“ Und wie lange das noch dauern werde, könne niemand sagen. Würde ich meinen Vortrag an dieser Stelle beenden, würden viele von uns wohl tief durchatmen. „Na gut – hoffentlich passiert mir so etwas nie.“ Genau so wird Hoffnung heute oft verstanden: dass alles gut wird. Dass wir optimistisch bleiben müssen. Dass wir Leiden vermeiden und unablässig nach Glück streben sollen. Vielleicht sogar schon den Gedanken an das Leiden vermeiden. Wenn es Leid und Tod gibt, dann gilt es, ihnen so gut wie möglich auszuweichen. Ich kenne eine Schülerin, deren Eltern ihr nicht gesagt haben, dass ihre Großmutter gestorben war. Um das Kind nicht zu traumatisieren. Erst einige Monate nach der Beerdigung erfuhr sie die Wahrheit, als sie fragte, wann sie die Großmutter wieder besuchen würden. Bis heute nimmt sie ihren Eltern übel, dass sie ihr keine Möglichkeit gegeben haben, Abschied zu nehmen. In einer säkularen Welt ist das allerdings eine durchaus folgerichtige Konsequenz. Denn die Hoffnung, dass alles gut wird, wird erbarmungslos von der Tatsache des Todes zerstört. Am Bett eines Sterbenden spendet der Satz „Alles wird gut“ keinen Trost. Es sei denn, er liegt in Qualen, dann wird gerade der Tod zu dem, was mit „alles wird gut“ gemeint ist. Leidet der Sterbende jedoch nicht unerträglich, dann wird eben nichts gut – und wenn ihm noch ein wenig Zeit bleibt, wird auch diese irgendwann zu Ende gehen. Jedenfalls dann, wenn man nicht daran glaubt, dass nach dem Tod noch etwas kommt.Will man also zu einer tragfähigeren Hoffnung gelangen, muss man zunächst versuchen zu zeigen, dass diese Welt nicht das Ende von allem ist. Für einen säkularen Menschen, der dem Glauben skeptisch gegenübersteht, ist dieser Gedanke zunächst leichter zugänglich als die gewichtige Idee Gottes. Ein untrainierter Muskel kann nicht sofort eine schwere Hantel heben. Es ist wie in der Fabel über die Suppe aus einer Axt: Der Soldat fragt die geizige Gastgeberin nicht gleich, ob sie Fleisch und Gemüse hat. Er sagt, Wasser und eine Axt genügten. Doch vielleicht noch ein wenig Salz, gäbe es das vielleicht? Genauso ist es einem Menschen, der den Tod fürchtet, aber entschieden ablehnt, an die „Märchen von Gott“ zu glauben, am leichtesten mit dieser Prise Salz zu beginnen: mit der Möglichkeit, dass hier vielleicht doch nicht alles endet.Und hier wird für mich ausgerechnet das, womit ich heute begonnen habe, zu einem überraschend überzeugenden Argument: unsere unablässige Suche nach Glück. Ich hoffe, es ist mir gelungen zu zeigen, dass all diese Versuche letztlich zum Scheitern verurteilt sind. Denn keiner von uns kann aufrichtig sagen: „Ich bin glücklich“, ohne diesem Satz gedanklich ein Sternchen hinzuzufügen. Ich bin glücklich – aber hier, jetzt, vorläufig, solange noch nicht alles zu Ende ist. Denn die Zeit vergeht. Und alles, was der Zeit unterliegt, wird eines Tages enden.Doch diese Einsicht bringt uns keineswegs ab von unserer Suche nach Glück. Der Mensch weiß, dass alles vergänglich ist, und sehnt sich dennoch nach einem Glück, das gerade nicht vergänglich wäre. Nach C. S. Lewis heißt es dann: Wenn der Mensch eine Sehnsucht in sich trägt, die diese vergängliche Welt nicht stillen kann, dann gibt es vermutlich nicht nur diese eine Welt. Denn wenn dem Menschen das Verlangen nach etwas eingegeben wurde, das er hier niemals erreichen kann – warum besitzt er dieses Verlangen überhaupt? Ist es bloß ein Irrtum?Antanas Maceina schreibt, der Mensch würde nicht nach Glück streben, wenn er nicht wüsste, dass es existiert. So wie ein Tier, das in Gefangenschaft geboren wurde, unablässig aus seinem Gehege auszubrechen versucht, weil es – obwohl es Freiheit nie erfahren hat – deren Existenz dennoch kennt, so kann sich auch der Mensch niemals mit den vergänglichen Ersatzformen des Glücks zufriedengeben. Er weiß, dass sie nicht das Eigentliche sind. Wahres Glück kann nicht vorübergehend sein; es muss von Dauer sein. Darin unterscheidet sich Glück vom bloßen Vergnügen: Es darf niemals enden, es muss ewig sein. Und wenn uns überhaupt etwas verbindet, dann ist es die Suche nach einem solchen Glück. Nach ihm strebt ausnahmslos jeder von uns. Doch in einer Welt, in der alles durch den Satz „Die Zeit vergeht“ begrenzt ist, gibt es nichts Ewiges. Also muss es eine Welt geben, die jenseits der Zeit liegt. Nur dort wäre jenes ewige Glück möglich, für dessen Suche wir in diese Welt hineingeboren wurden – eine Welt, in der es nichts Ewiges gibt.Dass Zeit ein relativer Begriff ist, versucht die Wissenschaft wohl seit weit über hundert Jahren zu zeigen. Spätestens seit Albert Einstein wagen wir zu behaupten, dass Zeit weder einheitlich noch linear ist, sondern sich krümmen, kneten und manipulieren lässt. Wir alle haben schon gehört: Wenn ich einen Stern betrachte, sehe ich in die Vergangenheit, weil das Licht Zeit braucht, um mich zu erreichen. Und würde man die Lichtgeschwindigkeit erreichen, könnte man die Zeit gleichsam hinter sich lassen. Wenn man die Lichtgeschwindigkeit erreicht, existiert die Zeit quasi nicht mehr.Um jedoch die Lichtgeschwindigkeit zu erreichen, dürfte man keinen Körper mehr besitzen, keine Masse mehr haben. Was einen Körper hat, kann sich deshalb nicht von der Zeit lösen – es kann nur in der Zeit existieren. Je näher man der Lichtgeschwindigkeit kommt, desto langsamer vergeht die Zeit. Doch mit einem Körper lässt sich diese Grenze nicht überschreiten. Und wer ausschließlich an die materielle Welt glaubt, dem scheint: Wo kein Körper ist, ist überhaupt nichts.Doch das Photon – das Licht – besitzt keinen Körper und existiert dennoch. Es hat die physikalischen Eigenschaften eines Gegenstands und ist doch kein Gegenstand. Es ist und ist zugleich nicht. Das Licht – ein Sein jenseits der Zeit. Hier fügt sich die Physik auf einmal auf schöne Weise mit der Theologie zusammen: „Und das ewige Licht leuchte ihnen.“ Jenseits der Welt der Zeit ist das Licht – und das Licht ist ewig. Freilich braucht diese Art Hoffnung den christlichen Glauben nicht unbedingt. Auch verschiedene esoterische Lehren behaupten Ähnliches. Ganz gleich, was wir in dieser Welt tun. Danach werden wir zu Energie. Wir werden Licht.Doch Vydūnas sagt, dass das Licht – jenes Wesen, das der Vergänglichkeit dieser Welt nicht unterworfen ist und vielleicht der einzige uns zugängliche Splitter der Transzendenz ist – eine entscheidende Eigenschaft besitzt, die unserem Leben in dieser Welt Richtung geben kann. Es ist deshalb einzigartig, weil es immer nur gibt und nichts nimmt. Es zieht nichts an sich, sondern breitet sich aus und durchdringt die Dinge. Es ist vollkommen selbstlos. Die Gravitation dagegen ist es nicht. Gerade sie, die den Körper am stärksten an diese Welt bindet, zieht immer alles an sich, sie nimmt. Das schwarze Loch ist gleichsam das vollkommene Gegenteil des Lichts. Es verschlingt das Licht. Eine solche Anziehung, ein solches In-sich-Hineinziehen, dass selbst die Zeit stillsteht. Und umgekehrt: Das Licht – ein solches Sich-Verschenken, eine solche Geschwindigkeit, dass die Zeit verschwindet. Zwei Formen der Zeitlosigkeit, zwei Formen der Ewigkeit: die absolute Dunkelheit und das vollkommene Licht. Beide lösen sich durch ihre Zeitlosigkeit von dieser Welt. Und doch tragen beide Eigenschaften in sich, die uns aus dieser Welt nur allzu vertraut sind: alles hinzugeben – oder nur zu nehmen. Welche von beiden ist die Wahrheit?In einem Interview aus dem Jahr 1986 sagte Václav Havel, selbst kein besonders gläubiger Mensch, dass „Alles wird gut“ nicht die Hoffnung sein darf. Hoffnung müsse vielmehr der Entschluss sein, das Gute zu tun unabhängig davon, wie alles ausgehen wird. Hoffnung ist Geben. Ganz im Sinne von Vydūnas‘ Modell des jenseitigen Lichts. Nicht darauf warten, erleuchtet zu werden, sondern sich wie das Licht verhalten. Dasselbe wiederholen auch diejenigen, die wirklich glauben. Sowohl Søren Kierkegaard als auch Thomas von Aquin und Papst Benedikt XVI. in seiner Enzyklika Spe Salvi formulieren den Gedanken von Havel immer wieder neu (oder vielleicht formuliert Havel den ihren neu; doch wenn es keine Zeit gibt, spielt die Reihenfolge ohnehin keine Rolle). Hoffnung ist nicht der Glaube, dass alles gut ausgehen wird. Hoffnung bedeutet, das Gute zu tun – unabhängig davon, wie alles endet. Und je aussichtsloser die Lage ist, in der dieses Gute getan wird, desto stärker wird die Hoffnung. Man soll nicht darauf hoffen, dass alles gut wird, sondern gewiss sein, dass das, was man gerade tut, gut ist.Wenn heute etwas den Eindruck erweckt, dass sich diese Welt nicht dem Licht, sondern einem schwarzen Loch nähert, dann ist es vor allem das Gefühl, dass niemand mehr etwas gibt. Besonders sichtbar wird das auf der politischen Ebene, die ihrem Wesen nach gerade darin bestehen sollte, nicht nur dem Einzelnen, sondern möglichst vielen, ja allen etwas zu geben. Das Streben nach dem Gemeinwohl ist der Grundgedanke der Politik. Das absolute Geben. Die Hingabe. Und doch verbindet die westlichen Gesellschaften derzeit vor allem eines: der fehlende Glaube daran, dass es überhaupt noch Politiker gibt, die an die Macht gekommen sind, um zu geben, und nicht, um zu nehmen.Ein solcher Unglaube – und zugleich die verzweifelte Suche nach genau einem solchen Menschen. Das Wählen eines solchen Menschen. Auch das entspringt einem Missverständnis von Hoffnung: der Vorstellung, dass alles gut werden wird. Dass es jemanden geben könnte, der dafür sorgt, dass alles gut wird. Denn „es wird alles gut“ bedeutet dann: Das Gute wird mir einfach widerfahren, ohne dass ich selbst etwas dafür tun muss. Ich werde keinen Finger rühren, keinen einzigen Schritt gehen müssen. Und das ist nicht nur ein Problem der säkularen Gesellschaft. Auch Gläubige verhalten sich oft so. Vor einigen Jahren war ich hier, in Nida, auf einer Hochzeit. Am Morgen der Trauung erzählte mir die Mutter der Braut, sie habe erst vor Kurzem zum Glauben gefunden und gehe nun regelmäßig in die Kirche. Doch sie glaubte an Jesus wie an einen guten Zauberer, einen Wundertäter – an jemanden, der Kranke heilte, Tote auferweckte und immer dafür sorgte, dass alles gut wurde. Genau darum betete sie auch. „Ich versuche, mich nicht mit schweren Gedanken zu belasten“. Ich hoffe, Jesus wird sich um alles kümmern. Und wenn nicht – wenn sich doch ein Unglück ankündigt –, dann verbrenne sie den Zettel mit ihrem Gebet. So, wie es die Shintō-Anhänger tun.Die naive, kindliche Erwartung, dass es jemanden geben wird, der uns geben wird, wobei wir selbst nur weiter nehmen können. Die Sehnsucht danach, dass der andere weit mehr gibt, als ich selbst gebe. Und der ständige Wunsch, dass der andere als erste gibt. In einer Gesellschaft, in der Hoffnung so verstanden wird, kann ein Staat nicht funktionieren, denn er wurde nicht auf diesem Prinzip aufgebaut. Er beruht auf dem Prinzip des Gebens. Zuerst geben, erst dann nehmen. Ein Krankenhaus kann nicht funktionieren, wenn eine Ärztin bei jeder Handlung zuerst darüber nachdenkt, welchen persönlichen Nutzen sie daraus ziehen wird. Wer würde im Strafvollzug arbeiten wollen, wenn er nicht davon überzeugt wäre, dass gerade diese unangenehme Aufgabe getan werden muss, damit andere sie nicht tun müssen. Und damit es anderen dadurch gut geht, dass er sie übernimmt. Der weitaus größte Teil der Tätigkeiten in einem Staat folgt diesem Prinzip. Glaubt jedoch keiner von uns mehr, dass dies der eigentliche Sinn seines Handelns sein sollte, dann lautet die erste Reaktion, sobald alle etwas von einem erwarten, selbst aber nicht bereit sind, ebenso viel zu geben: „Warum ich?“ Warum sollte ausgerechnet ich mehr leiden als die anderen?Es gab einen Menschen, der diese Frage nicht stellte. Er kam, um für uns zu sterben. Vielleicht fällt es gerade deshalb vielen von uns so schwer zu glauben, dass es diesen Menschen wirklich gegeben hat. Dass er ein Mensch war. Und doch – wenn wir uns umsehen, ist dieser Mensch immer unter uns. Nur macht er niemals laut auf sich aufmerksam.Im vergangenen Winter nahm ich an einer Übung der Schützenunion teil. Die Leiterin meiner Gruppe war eine Schützin, die im Zivilleben in der Blindenbibliothek arbeitet. Sie kam mit hohem Fieber zu einer dreitägigen Übung, sagte jedoch niemandem etwas davon. Die Übung war anstrengend, kalt und eintönig; ihr Sinn war kaum zu erkennen. Und in den Stunden vor letztem Tagesanbruch warteten alle nur noch darauf, dass sie endlich vorbei sein würde. Alle waren todmüde. Sie auch. Da ließ sie ihren Wagen warmlaufen und schickte jeden von uns der Reihe nach für wenigstens fünfzehn Minuten hinein, damit wir ein wenig schlafen konnten. Den Platz desjenigen, den sie gerade fortschickte, übernahm sie selbst am Kontrollposten. So blieb sie am Ende ohne eine einzige Minute Schlaf. Aber sie gab uns allen den Glauben zurück, dass es immer noch jemanden gibt, der dafür sorgt, dass es wenigstens ein bisschen besser wird. Der Preis dafür war, dass es ihr selbst überhaupt nicht gut ging. Sie litt, ihr war elend zumute, und doch gab sie uns an diesem Morgen die Hoffnung zurück. Nicht die Hoffnung, dass der Kontrollposten nicht angegriffen würde. Und auch nicht die Hoffnung, dass die Kälte eines Februarmorgens plötzlich verschwinden würde. Sondern die Hoffnung, dass es Menschen gibt, die das Gute tun – unabhängig davon, wie schlecht die objektive Lage ist.Wenn einem Menschen die Hoffnung fehlt, kann er durch seine Willensbemühungen gerade jenes Gute schenken, das er sich in diesem Augenblick selbst am meisten von anderen wünscht. Hoffnung nicht als Optimismus, sondern als Akt des Willens. Sich dazu zwingen, genau das zu tun, was man für sich so sehr wünscht, dass es jemand für einen täte. Selbst wenn der Preis dafür ist, allein zurückzubleiben, während es den anderen gut geht. Und vielleicht wird es niemand anerkennen. Niemand wird danken. Und man wird allein leiden müssen. Doch wenn es einem selbst im Leiden gelingt, sich nicht um sich selbst zu drehen, sondern weiter zu geben. Dann spürt man unabhängig davon, wie alles endet, dass alldem mindestens ein Sinn innewohnt.Am Bett eines Kranken oder im Zimmer eines alten Menschen, der gepflegt werden muss, werde ich niemals das Vergnügen empfinden, das ich beim Lesen eines Buches am Strand empfinde. Ich bin dort aus Pflicht. Im unmittelbaren Sinn macht es mir keine Freude, dort zu sein. Und wenn ich das Gefühl habe, dieses Wochenende bei einem alten Menschen verbringen zu sollen, mich stattdessen aber entscheide, mit einem Buch an den Strand zu fahren, dann entgehe ich natürlich seinem Nörgeln, den Gerüchen und auch dem schmerzlichen Gefühl, dass ich mein eigenes Leben zurückstelle, damit er leben kann. Am Strand wird es mir gut gehen. Es wird angenehm sein.Doch wenn sich der Tag seinem Ende zuneigt, wird sich nach und nach Traurigkeit einstellen. Wieder ist ein Tag vergangen und damit eines meiner Vergnügen. So sehr ich auch versucht habe, es festzuhalten – es ist dennoch vorüber. Und schlimmer noch: Ich werde wissen, was ich versäumt, um stattdessen hier sein zu können. Und mein Gewissen wird beginnen, leise an mir zu nagen.Habe ich dagegen den ganzen Tag etwas Gutes für einen anderen getan – besonders wenn es mich selbst ein wenig gequält hat –, dann gehe ich am Abend nicht nur mit der Erleichterung schlafen, dass dieser anstrengende Tag endlich vorbei ist, sondern auch ohne das nagende Gefühl, niemandem etwas Gutes getan zu haben. Denn das Gewissen quält einen nicht wegen eines versäumten Vergnügens. Vielleicht bleibt eine leise Sehnsucht. Saudade. Aber keine Qual.Und wenn schließlich nicht nur dieser Tag zu Ende geht, sondern alle meine Tage, wird die Frage dieselbe sein. Ich werde wissen, was ich für mich selbst getan habe. Doch das wird mich nicht beunruhigen. Sorgen machen werde ich mich vielmehr darum, was ich für andere nicht getan habe. Habe ich alles getan? Diese Frage bezieht sich immer auf „für die anderen“ und „wegen der anderen“.
Übersetzung aus dem Litauischen von Jūratė Žukauskaitė
Eine paramilitärische Organisation, nach den litauischen Streitkräften und dem Freiwilligenverband die dritte Verteidigungslinie in Litauen.