Lina Hall. Das Europa der Heimaten: die Sprache ist unser Zuhause

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2019-07-20

Wie eine Figur im „Giovannis Zimmer“ von James Baldwin gesagt hat, vielleicht ist das Zuhause nicht ein Ort, sondern ein Zustand. Ich würde diesen Gedanken gerne paraphrasieren und ihn so ausdrücken: es ist die Heimat, die nicht geographischen Definitionen innewohnt, sondern unseren Vorstellungen. Sie werden von verschiedenen Faktoren gespeist, unter denen der wichtigste meiner Meinung nach eine alltägliche Erscheinung im Leben jedes Menschen ist – die Sprache.

Wirklich jeder braucht eine Heimat. Natürlich gibt es wohl so viele Auffassungen dieses Begriffs wie es Leute gibt, im Allgemeinen wäre es aber nicht verfehlt zu glauben, dass jeder das Gefühl eines geborgenen Heims, der Zuflucht, des Obdachs braucht, wo auch immer es sein mag. Der Hauptpunkt in dieser Situation ist die Tatsache, dass man in den modernen Zeiten, die von einer bisher ungesehenen Mobilität von Menschen und Ideen gekennzeichnet sind, in der heutigen Gesellschaft eigentlich öfter als je zuvor von der Heimat spricht, an sie glaubt oder sie imaginiert; ihr Verständnis kann und muss sich aber verändern. Unter den jetzigen Bedingungen offenbart sich die Sprache, genauer gesagt, offenbaren sich die Sprachen als die Lösung des Rätsels, wobei die Muttersprache gleichberechtigt mit anderen Sprachen wirkt.

Beginnen wir mit der ersten Rätselkomponente. Wenn man in einem fremden Land in der eigenen Muttersprache spricht oder liest, was vielleicht nicht sehr häufig passiert, hat man ein einzigartiges Erlebnis, eine angenehme Überraschung, die man immer wieder erleben möchte. Eine bekannte, vertraute Sprache bietet einem im Ausland Sicherheit, Selbstbewusstsein und Stärke und, was am wichtigsten ist, erinnert einen daran, dass man nicht alleine ist. Sprache verbindet die Menschen, vereinigt sie zu einer Gemeinschaft. Auch wenn man der einzige litauischsprachige Mensch in einem Raum mit vielen Fremden ist, weiß man also, dass es anderswo Leute gibt, die dich so gut wie kein anderer verstehen und verstehen können. Außerdem hat die Sprache selbst eine sehr starke kulturelle Aufladung. Die Landessprache hat die besten Mittel und Werkzeuge zur Darstellung des jeweiligen Landes, seiner Menschen, seines Lebens, seiner Städte und Landschaften. So, wie wir in der schwedischen Sprache Schweden entdecken und so, wie Frankreich sich im Französischen offenbart, so können wir nur auf Litauisch das wahre Litauen herauslesen. Vielleicht stammt hiervon die allgemein bekannte Faustregel „wenn man kann, soll man in Originalsprache lesen“ und die Aufmerksamkeit, die man der Qualität der Übersetzung schenkt. Es wäre ein mühevoller Versuch, etwas Schöneres dazu zu sagen, als die kurzbündige in einem Interview verlautete Zusammenfassung des Schriftstellers Valdas Papievis, der in Frankreich residiert: „Wo auch immer ich bin, bin ich immer in Litauen, denn ich bin immer in der litauischen Sprache. Sie ist wie ein Schneckenhaus, das mich stets begleitet.“[1]Die Muttersprache ist die Heimat, die man immer mit sich trägt, in der man sicher und selbstbewusst ist und in die man immer zurückkehren kann. Wahrscheinlich ist es einer der Gründe, warum amerikanische, italienische oder chinesische Studenten während eines Studentenaustauschs dazu neigen, separate Gruppen zu bilden: es ist so leicht in einem fremden Land die eigene Sprache zu sprechen. Und so schön. Und umgekehrt – unter den vielen Studenten aus den großen Staaten finden sich immer einzelne Mutige, die sich lieber von ihren Landsleuten abgrenzen und sich dazu zwingen, ihre Komfortzone zu verlassen, damit sie durch schwere Arbeit eines von den vor dem Auslandsaufenthalt gesetzten Zielen verwirklichen können: eine andere Welt, eine andere Heimat (und die Heimat Anderer) kennenzulernen.

Es sollte offensichtlich sein, dass es heutzutage bei Weitem nicht ausreichend ist, nur die eigene Heimat zu kennen. Es ist wichtig, die Vielfalt der Heimaten der Mitmenschen zu erkennen und sich darum zu bemühen, auch in ihnen dazu zu gehören (oder mindestens kein Fremder, sondern ein ehrenvoller und willkommener Gast zu sein). Natürlich galten Fremdsprachenkenntnisse schon immer als ein Vorteil. Aber in Europa des Jahres 2019, wo die Mobilität der Menschen und der Ideen ein bisher ungesehenes Ausmaß erreicht hat, wird diese Eigenschaft bei Weitem nicht nur mit solchen oberflächlichen Dingen konnotiert, wie einem imponierenden Detail im Lebenslauf. Im zeitgenössischen Europa hilft uns eine Fremdsprache, die neben uns lebenden Menschen kennenzulernen, sie in unsere Kultur und Umgebung aufzunehmen, und sich gleichzeitig wohl und sicher in ihren kulturellen Schichten und ihrer mitgebrachten Geschichte zu fühlen. Beherrschung der europäischen Sprachen gibt einem das Gefühl, dass man ein Teil dieser kulturellen Vielfalt ist, dass man dazu gehört. Alleine aus der Europäischen Union stammen mehr als 60 Sprachen[2], geschweige der Sprachen der älteren und jüngeren Zuwanderergenerationen. Obwohl es auch zu bestimmten Verständnisproblemen führt und in bestimmten Fällen die Kluft zwischen verschiedenen Gruppen vertieft sowie in verschiedenen Gestalten im Diskurs des rassistischen und ausländerfeindlichen Lagers erscheint, trägt es gleichzeitig zur Vielfalt der Identitäten bei – zu diesem großen unschätzbaren Reichtum. Manche sind der Meinung, dass Sprachenunterschiede von sich aus zu Feindschaften beitragen, die bestehende Vielfalt öffnet aber unbegrenzte Möglichkeiten, etwas kennenzulernen, Freundschaften zu schließen, immer neue Erfahrungen zu machen und immer neue Wege zu finden, wie man zusammen leben und sein kann. Wir haben doch tatsächlich das Europa der Heimaten: einen Kontinent, auf dem die von vielen unterschiedlichen Sprachen getragene Kulturen und Identitäten miteinander leben.

Es ist wahr: ein polyglotter Mensch hat mehr als eine Heimat. Sie stehen miteinander keinesfalls im Wettbewerb, viel eher ergänzen und verstärken sie einander, und aus dem Mosaik dieser Heimaten entsteht im Selbstbewusstsein des Menschen das Verständnis: die Sprache ist das Zuhause, und wenn man eine weitere Sprache dazugelernt hat, hat man eine neue Heimat gefunden. Also, je mehr Sprachen du beherrschst, desto mehr Herbergen hast du und desto stärker fühlst du dich: wenn du in einem entlegenen Land im Kreis von Freunden aus verschiedenen Teilen der Welt zu Mittagstisch sitzt, kannst du ein Gefühl bekommen, das dem der Rückkehr in deine Heimat gleichkommt. Meiner Meinung nach sind eben die Sprachen der wichtigste Aspekt, der den alten Kontinent vereinigt und gleichzeitig mit anderen Welten verbindet: die spanische Sprache schlägt Brücken in viele Länder Süd- und Mittelamerikas, die französische – in den afrikanischen Kontinent und auf Englisch würden wir uns in den weitentferntesten Teilen des Planeten verständigen können.

Einer der wundervollsten Vorteile der Sprache ist, dass Sprachkenntnisse oft unvorhergesehene erstaunliche Nebeneffekte mit sich bringen. Wie man vor Kurzem im „The Economist“ nachlesen konnte, behaupten mehrsprachige Menschen öfters beobachtet zu haben, dass sie mit einer neuen Fremdsprache auch neue Persönlichkeitsfacetten an sich entdecken: während sie eine andere Sprache sprechen, würden sie sich auch anders benehmen, anders kommunizieren und denken.[3]Der eigenartige Charakter und Aufbau jeder Sprache üben einen Einfluss auf den Lerner aus, bringen ein bestimmtes Sprachgefühl und Assoziationen mit sich, aufgrund derer man in verschiedenen Alltagssituationen den Wunsch haben kann, die Sprache zu wechseln. Die Muttersprache, egal welche, ist immer ein Ort der Ruhe und der Erholung, in dem wir nach positiven Emotionen suchen und mit dem wir unsere geschätzten Erinnerungen und Personen verbinden. Die meisten assoziieren die englische Sprache wahrscheinlich mit einem kosmopolitischen Raum, die französische Sprache – mit einem Ort der Kunst und der Denker und die spanische – mit einer Ferienvilla. Sprachen bereichern einen enorm und in vielerlei Hinsicht, wenn man sie aber aus der Perspektive des gegenwärtigen Heimatthemas betrachtet, erweitert sich mit jeder neuen Sprache die Karte des Bewusstseins eines Menschen, die mit der geographischen Dimension auch die Fülle der Kultur mit sich bringt. Wenn du dich als eine authentische Version deines Ichs begreifst, während du Litauisch sprichst, beim Sprechen einer zweiten oder dritten Sprache aber Ausdrücke verwendest, die auf Litauisch merkwürdig klingen würden, andere Formen der Dialoggestaltung einsetzt oder, wenn es eines profaneren Beispiels bedarf, mehr fluchst, und wenn du dich dann aber in allen diesen Sprachen wie du selbst fühlst, fängst du unversehens an, dich zu fragen: welchen Anteil an meiner Persönlichkeit hat die Sprache – meine Heimat? An dieser Stelle sollte man sich an die Sozialanthropologie erinnern, vor Allem an den Kulturalismus – den Ansatz, demzufolge man die Rolle der Kultur in der Entwicklung des Individuums hervorhebt und den in einer Kultur gehegten Bräuchen, sozialen Institutionen und der Sprache eine besondere Bedeutung beimisst. Nach der sogenannten Sapir-Whorf-Hypothese, die allerdings häufig als zu essentialistisch kritisiert wird, formt die Sprache die Denkweise und Weltanschauung des Menschen, d.h., die Sprache prägt die Kultur und die Sprachstruktur determiniert die Denkweise des Sprechers. So gestalten die Sprachen die Welt und beschreiben, besprechen und benennen sie gleichzeitig – das ist besonders wichtig, weil man im Fall eines Sprachtodes auch eine einzigartige Kultur verliert. Also reflektieren die Sprecher verschiedener Sprachen (wir sollten nicht vergessen – gleichzeitig auch Vertreter verschiedener Heimaten!) die Welt auch unterschiedlich und sie gebrauchen unterschiedliche Ausdrucksformen. Was passiert aber wenn sich im Kopf einer Person mehrere Heimaten verbinden? Es entsteht eine einzigartige innere Lebenswelt, ein enormes kreatives Potenzial, ein Raum, der nur dem betroffenen Individuum vertraut ist. Man baut ein neues Zuhause.

Alle brauchen eine Heimat: sowohl diejenigen, die in ihrem Heimatland leben, als auch die Auswanderer. Interessanterweise sprechen die einen nicht öfter über dieses Thema als die anderen. Bei näherer Betrachtung der Gleichung Sprache=Heimat ergeben sich keine Fragen mehr zur Relevanz des Themas. Wenn die Sprache deine Heimat ist, ist sie immer mit dir, wo auch immer du bist. Wenn die Sprache für dich Heimat bedeutet, wirst du deinen Nächsten am besten durch sie kennenlernen.

[1]http://www.bernardinai.lt/straipsnis/2017-06-02-rasytojas-v-papievis-lietuviu-kalba-yra-mano-namai/160115

[2]https://europa.eu/european-union/about-eu/eu-languages_en

[3]https://www.economist.com/blogs/prospero/2013/11/multilingualism?fbclid=IwAR1OuvD9gOfgjOnZd6SFshGWxFY8rhf5XjKiUnwD1faoOT8_1QIFZvPddfk