Europa der Heimaten

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2019-04-04

In letzter Zeit wird über Heimat häufig in dem Zusammenhang des Verlustes von Heimat geredet, im Zusammenhang von Entwurzelung oder wie unser Namenspatron Thomas Mann es nannte, über das „Herzasthma des Exils“. Während unserer Festivalwoche im Sommer wollen wir dazu einladen, uns über die Existenz von Heimaten unterhalten, über die vielfältigen Bedeutungen dieses Begriffes, die zahlreichen Facetten, Farben und Gestalten, die Heimat annehmen kann. Hier beginnen schon die Ersten beim Lesen zu stutzen: Kann ein Mensch mehr als eine Heimat haben? Ja, zweifelsohne. Heimat kann der Herkunftsort, das Zuhause sein, aber das Verständnis geht heute noch viel weiter darüber hinaus und muss nicht an eine feste Lokalität gebunden sein. „Heimat ist ein Gefühl“, sagt die britische Soziologin Avta Brah. Gefühl und Ort können sich auf viele Weisen miteinander verbinden und so können auch „Ferienheimaten“ entstehen, bei denen bestimmte Formen der Natur, wie Landschaften und Vegetationen gepaart mit besonderen Wettererscheinungen eine Rolle spielen. Auch die Familie Mann hat das Konzept der „Ferienheimaten“ mit ihrem stets wiederkehrenden Wunsch an das Meer zu fahren, gepflegt. Die Kurische Nehrung ist eine dieser zahlreichen „Ferienheimaten“, die sich auf unserem Kontinent herauskristallisiert haben und anhand dieses Beispiels wird auch klar, dass es sich hierbei um ein inklusives Konzept handelt. Beziehen wir jetzt auch noch die Überlegung des Philosophen Ernst Bloch ein, der der Überzeugung war, dass Heimat nicht eine Frage der historischen Verwurzelung, sondern der Zukunftshoffnung sei, dann können wir akzeptieren, dass es sich hier auch um ein vorwärtsschauendes Konzept handelt. Heimaten können gesucht und angestrebt werden. Zu ihnen zählt ganz besonders ein Gefühl, dass wir die  „geistige Heimat“ nennen. Diese impliziert Gemeinsamkeit des kulturellen und politischen Erlebnisses und schlägt Brücken.

Die „geistige Heimat“ benötigt keinen Raumbezug, sie kann sich um eine Idee, eine Zeitschrift und auch um eine Veranstaltung, wie unser Festival gruppieren Für viele Schriftsteller stellt der Schreibtisch diese geistige Heimat dar. Aber es gibt auch das durchaus ernstzunehmende Phänomen, das heute als „fluide Heimat“ bezeichnet wird, das aber bereits die alten Römer mit dem Ausspruch „ubi bene, ibi patria“ beschrieben haben.

Unsere zahlreichen Heimaten, die sich auch überlappen und überlagern können, sind vornehmlich auf unserem europäischen Kontinent verankert, auch wenn sie keinen direkten Raumbezug haben. Damit ähneln sie auch der geographischen Definition Europas, die gerade in Bezug auf die Grenze zu Asien immer willkürlich ist. Der französische Publizist Bernard-Henri Lévy meint ja, dass Europa „kein Ort, sondern eine Idee“ sei. Dazu zählen viele unterschiedliche Interpretationen, die sich bei Reisen durch Europa in den zahlreichen Grenzen manifestieren. Europa unterscheidet sich von allen anderen Kontinenten durch die hohe Zahl seiner Grenzen, ja europäische Geschichte lässt sich auch als eine Geschichten von Grenzen und ihren Verschiebungen definieren. Doch dabei gilt es zu beachten, dass diese Trennungen der Identitätsstiftung dienen. Bewohner sind immer gezwungen, die Gedanken der Nachbarn mitzudenken und dessen Perspektive einzunehmen. Was sich darüber hinaus für den europäischen Kontinent noch sagen lässt, ist, dass trotz der unterschiedlichen Prägung zwischen den Kulturen Verbindungen herrschen und Gedankengut sowie Menschen in hohem Maß zirkulieren.

Damit können wir noch einmal an einige Gedanken von Thomas Mann anknüpfen, der 1923 unter der Überschrift „Europäische Schicksalsgemeinschaft“ davon sprach, dass es eine „Gemeinschaft der Geistigen“ in Europa gebe und davon, dass er und seine Schriftsteller und Künstlergefährten die „geistigen Bildner Europas“ seien.

In dieser Hinsicht stellt das Thema unseres diesjährigen Festivals eine gewisse Provokation dar, denn wir empfehlen, Begriffe zu überdenken, neu zu sehen und im Laufe dieser Juliwoche während des anregenden Programmes und darüber hinaus mit Gästen und Teilnehmern zu diskutieren – und dabei die „Ferienheimat“ zu genießen.

Prof. Dr. Ruth Leiserowitz