Domas Lavrukaitis. Brücken

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2019-07-20

1.

Städte sind problematisch. Ihre verschiedenen Bewohner balancieren ständig auf einem schmalen Grat zwischen Überdruss aneinander und der Entschlossenheit, die Gemeinschaft zu erhalten. Doch wird es schwierig, die Gemeinschaftlichkeit zu pflegen, wenn die Stadt schneller als ihre Bewohner wächst. Oder, wie ein enttäuschter deutscher Philosoph des 20. Jahrhunderts beim Anblick des Sonnenuntergangs über der Ostsee sagen würde: wenn die Zivilisation schneller als die Kultur wächst.

Wie alle anderen Randstädte Europas hat Königsberg ein langes und ansehnliches curriculum vitae: Pestseuchen, Kriege, unterschiedliche Machthaber und Staaten. Als ob sie die eigene Bedeutung im großen Marsch der Geschichte hervorheben wollte, kam die vormalige preußische Hauptstadt zum Entschluss, dass die ihr inhärente Problematik nicht genügend ist. Königlich kapriziös beschloss dieses -bergüber die anderen durch die Kopfschmerzen, die es verursacht, herauszuragen.

Es wäre fehlerhaft anzunehmen, dass die mathematische Aufgabe von den sieben Brücken Königsbergs von den Stadtbewohnern ausgedacht wurde. Es war die Stadt selbst, die dieses Rätsel aufgegeben hat. Während die nach der deutschen Ordnung aufgereihten Gebäude immer enger den Pregel umschlungen, wurden seine zwei Inseln und Ufer wie ein geflicktes Festlandgewebe unvermeidlich durch Brückennähte verbunden. Für die protestantischen Bewohner war solch eine Prädestination selbstverständlich. Die Frage danach, inwieweit es möglich ist, die sieben Brücken der Stadt zu passieren, ohne dabei keine davon zweimal zu betreten, hat sich auch in der Folklore gefestigt, wo Unerklärbares für den Alltag gezähmt wird.

2.

Das Problem der Königsberger Brücken steht in einer Verwandschafts- oder mindestens Freundschaftsbeziehung mit der Frage, inwieweit es möglich ist, mehrere Heimaten zu haben. Die Brücke, die man zum zweiten Mal am Ende des Stadtumgangs passiert (es wäre eine Illusion zu glauben, dass es hier keine Verbindung mit dem Lebenskreis gibt) hebt sich von den anderen hervor. Es ist unvermeidlich. Ihr hat man mehr Aufmerksamkeit geschenkt; ihre Geländer, Laternen und die zerbröckelten Steinplatten sind ein wenig vertrauter und ein wenig gastfreundlicher für die Fußsohlen. Und, wenn du eine Brücke zum zweiten Mal passiert hast, dann kannst du eine überqueren, die du bisher nicht betreten hattest. Das heißt, um etwas Neues zu erleben, musst du unvermeidlicherweise mindestens für eine kurze Weile zum Alten zurückkehren.

Demokratisch gesinnte Wanderer werden sich wohl darum bemühen, auch die restlichen Brücken eine gleiche Anzahl von Malen zu überqueren. Erst wenn sie zu der vorletzten gekommen sind, werden sie verstehen, dass es unmöglich ist, die Reise in Gleichheit zu beenden. Sie wirft immer ein neues Problem auf, für dessen Lösung man eine weitere Reise braucht. Es scheint, dass die Stadtbewohner ihre Probleme lange auf diese Art und Weise gelöst haben.

Aber zurück zu den Heimaten. Dank Kants politischer Abhandlung „Zum ewigen Frieden“ wurden in Königsberg die Grundlagen für das zeitgenössische Völkerrecht gelegt und die Idee des einheitlichen Europas geboren. Die letztere ist für den deutschen Philosophen übrigens unvermeidlich, weil sie zum unerkennbaren Teil der Natur gehört, den man Schicksal nennt.

Der litauische Name seines philosophischen Essays ist ein wenig irreführend. Das deutsche ewigbedeutet nicht nur Endlosigkeit, sondern auch die ständige Wiederkehr. Das englische Äquivalent perpetualbleibt dem Original treuer. Vielleicht ist Kant zur Idee des ewigen Friedens gekommen, während er das Rätsel seiner Heimatstadt zu lösen versuchte, indem er Kreise durch die Brücken der Stadt drehte und nach der richtigen Route suchte?

Die Schicksalsidee war aber bei den Denkern der Aufklärung nicht beliebt.  1735 hat der schweizerische Mathematiker Leonhard Euler bewiesen, dass die Aufgabe der Königsberger Brücken unlösbar ist, wenn man sich an zwei Regeln der formalen Logik hält.

3.

Heute gibt es kein Königsberg mehr in Europa. Eigentlich gibt es diese Stadt überhaupt nicht. Kant würde wohl sagen, dass die Stadt das Ding an sichverloren hat – die objektive Grundlage, die unabhängig von unserer subjektiven Betrachtung existiert.

Dem „Fest der Bedeutungslosigkeit“ von Kundera zufolge hat Stalin die neu eroberte Stadt aus großem Mitleid mit Kalinin umbenannt, weil dieser... Blasenschwäche hatte. Laut einer Figur des Romans könne man nur so erklären, warum man bei der Russifizierung der Stadt keinen anderen Namen gewählt habe. Im russischen Gestirn gibt es genügend davon: Tolstoi, Dostojewski, Puschkin, Tschechow und andere. Ich persönlich bin der Meinung, dass Gogolgradals ein Denkmal dem sowjetischen Imperialismus keine Schmach angetan hätte.

Im Roman fragt Stalin Kalinin nach der Hauptidee von Kants Philosophie (das Ding an sich; übrigens assoziiert der sowjetische Diktator die Stadt mit diesem deutschen Denker) und stellt fest, dass es keine objektive Wirklichkeit gibt: alles ist Interpretation, die vom Diktator selbst kontrolliert wird. Es ist völlig irrelevant, ob dieses Gespräch sich tatsächlich zugetragen hat oder nicht. Königsberg hat sein Ding an sichnicht verloren. Es wurde der Stadt entrissen. Nach 1946, als sie zu Kaliningrad wurde, wurden zwei von den sieben Brücken abgerissen und die Probleme, die den Aufklärungsidealisten Kopfschmerzen bereiteten, sind in Vergessenheit geraten.

Wie die Kinder dazu neigen, ihren Eltern immer ähnlicher zu werden, so identifizieren sich die umbenannten Städte letztendlich mit der Persönlichkeit, die ihr Namenspate ist. Kaliningrad steht nicht mehr für die Kopfschmerzen der Mathematiker und Philosophen, sondern für die angeschwollene Harnblase des europäischen historischen Gedächtnisses.

4.

1968 wird der Prager Frühling, der sich bis zum Herbst hingezogen hat, in Böhmen, der Heimat von Kundera, durch sowjetische Panzer zu Ende gebracht. Im Mai des selben Jahres hinterlassen die Studenten in Paris, wahrscheinlich an ihre Kommilitoninnen in Prag gewidmet, auf der Mauer der Sorbonne das Motto „La vie est ailleurs“ (fr. „Das Leben ist anderswo“). Unweit davon, unter den mit dem Antlitz Maos und Lenins geschmückten Transparenten und roten Fahnen, taucht auch Sartres Gesicht auf.

Es gibt eine Aufnahme von Sutkus, die im Bewusstsein der Litauer tief verwurzelt ist: die einsame Gestalt eines Philosophen, die auf einer Sandwelle gegen den Wind schreitet. Trotz der Unauthentizität des Photos (wie auch des ganzen Besuchs des Philosophen) zählen die Litauer Nidden unbedingt zu den Heimatorten Sartres. Ist das ein Erfolg der sowjetischen Propaganda? Es mag sein. Oder vielleicht können wir nicht nur unseren Geburtsort nicht wählen, sondern auch nicht unsere Heimaten?

Ungefähr 30 Jahre früher hätte der französische Existenzialist auf den Dünen Thomas Mann getroffen, der dort ein paar Sommer verbrachte und Nidden als eine temporäre Heimat für sein Schaffen gewählt hatte. Es ist nicht schwer, das Bild ihrer Begegnung zu skizzieren. Mann, dezent aber fein gekleidet, was für die letzte Generation des deutschen Bürgeradels kennzeichnend war, und Sartre – aus einer ähnlichen französischen Familie, aber entschieden gegen jeglichen Pomp. Es würde ohne Zweifel ein Streit über die politischen Ansichten folgen, beendet von einem respektvollen Waffenstillstand aufgrund der gleichen Einstellung beider zum Verhältnis der Literatur und der Politik: Politik ist Literatur ist Europa.

Europa sollte nicht vulgär sein – d.h. eine Menge von raffinierten kulturellen Texten und Kontexten gebären, die blind den Kontinent bombardieren, während sein politischer Himmel mit dunklen Wolken überzogen ist. Literatur und Politik stehen oft in Widerspruch, daher offenbart ihre meisterhafte Aufeinander-abstimmung unsere Fähigkeit, Sinn zu schaffen. Sowohl Kundera, als auch Mann und Sartre waren Meister des In-Einklang-Bringens von Politik und Literatur. Es ist eine ihrer größten Leistungen, wenn nicht überhaupt das Zeichen eines authentischen europäischen Schriftstellers.

5.

Die Brückenaufgabe hatte zwei Bedingungen. Erstens, man darf den Fluss mit keinen anderen Mitteln überqueren. Zweitens, man darf eine Brücke nicht nur zum Teil passieren. Diese Bedingungen sollten nicht bloß für Logikformalitäten gehalten werden.

Den Abstand zwischen den Ufern soll man in eigenen Bemühungen bewältigen – nur dann wird (mühevoll) eine authentische Verbindung mit dem anderen Ufer hergestellt. Außerdem darf man nicht halbwegs auf der Brücke stehen bleiben: der Aufbruch zur Reise ist eine Verpflichtung an sich und an das angestrebte Ziel, trotz der Herausforderungen unterwegs. Gustav von Aschenbach aus „Tod in Venedig“ von Thomas Mann könnte dies bestätigen: wir erschaffen etwas immer nur trotz etwas Anderem. Man könnte hinzufügen, dieses Andere sind am häufigsten wir selbst.

Allerdings bricht Aschenbach zum eigenen Verhängnis die zweite Regel: es gelingt ihm nicht, auf die eigene Weisheit zu hören – dem anfangs gefassten Entschluss zu folgen, die Stadt zu verlassen – und er bleibt in Venedig. Es ist ein weiterer europäischer Ort, der für viele eine neu gewonnene Heimat darstellt. Wenigstens wird der Protagonist noch vor dem tragischen Ende der Novelle von der Serenìsimadazu angeregt, über die eigene Natur nachzudenken, wobei die dunklen Seiten seiner Persönlichkeit enthüllt werden, die in seinem Heimatland Deutschland unbemerkt geblieben wären. Mindestens das – übertriebene Psychologisierung hat Mann nie gemocht.

6.

Joseph Brodsky verrät im „Wasserzeichen“, dass ihm Manns Novelle nie gefallen hat. Was kann ein russischer Dichter über Heimaten und Europa sagen? Na, erstens ist sein Geburtsort Sankt Petersburg das Tor Russlands nach Europa, und, wenn man dadurch die Ostsee erreicht hat, ist es nur eine Frage der Zeit, wann man in Venedig anlandet.

Interessanterweise misst Brodksy Venedig und dem Wasser, dass es umgibt, die gleiche Bedeutung bei. Sie sind doch so verschieden! Die Stadt ist schön an sich und das Wasser kann diese Schönheit nur zeitweilig leihen und widerspiegeln. Trotz der Gier des Wassers schuldet Venedig der sie umgebenden Bucht einiges. Es ist eben das Wasser, das diese Stadt erst unirdischmacht.

Laut dem Dichter folgt alles in Venedig dem Zweck, sichtbar zu sein. Auf dem Wasser verschärfen sich unsere Sinne und wir werden empfindlicher für die Anwesenheit Anderer. Die Festlandregeln greifen hier nicht; Menschen erlauben es sich, expressive Kleidung zu tragen, obwohl wir alle wissen, dass Schönheit nicht direkt ins Visier genommen werden kann. Sie bleibt immer ein Nebenprodukt des menschlichen Tuns. Während die Stadt gebaut wurde, dachten die Venezianer nicht daran, wie eine Brücke oder eine piazzettaaussehen sollte, sondern sie achteten darauf, dass sie nicht im Wasser versinkt.

Das Königsberger Brückenproblem hätte niemals in Venedig entstehen können. Hier brechen die Stadtbewohner ständig die erste Bedingung der Aufgabe: sie überqueren das Wasser in Booten. Es wäre wohl nicht verfehlt, Brodsky, der zwanzig Winter in Venedig verbracht hat, ihren Landsmann zu nennen. Er bleibt aber immer als erstes ein Dichter. Seine Berufung ist es, den Weg der Sprache über alle sieben Brücken und trotz der Formeinschränkungen zu finden. Nachdem die Enden der Brücke im Nebel versunken sind, taucht sie nur dank des Dichters in die Unendlichkeit ein. Im Gegensatz zu Aschenbach bricht der Dichter die erste Regel bewusst: genau das unterscheidet Meisterhaftigkeit vom Misserfolg.

7.

Brodsky hat für seinen guten Freund Tomas Venclova zwei Gedichte geschrieben: so kehrt er nach Litauen zurück. ImLitauischen Notturnoschreibter:

У всего есть предел:

горизонт – у зрачка, у отчаянья – память,

для роста –

расширение плеч [1].

Womöglich bricht der Dichter die Formregeln von seiner Natur aus, die Botschaft ist diesmal aber eine andere. Endlose, ewige und unvermeidliche Erscheinungen – alle drei sind Variationen der Unbegrenztheit – existieren tatsächlich. All das ist aber ungeheuer unmenschlich und die Rolle des Dichters ist es, Verständnis zu ermöglichen.

Die Verse markieren die Grenzen, die Grenzen markieren den Menschen. Seine Begrenztheit bezieht sich hier nicht auf die Verzweiflung, sondern auf die Inspiration. Die Verzweiflung wird von unserem Gedächtnis gebändigt, die Augen erkennen den Horizont, der uns hilft, uns zu orientieren. Der Aufstieg zur Freiheit wird von der auf unseren Schultern liegenden Verantwortung gehemmt.

Es ist ungewiss, wann sich Kaliningrad in die Reihe der Städte eingliedern wird, die ihren Namen in den letzten hundert Jahren zweimal geändert haben. Alles hat seine Grenzen, diese Brücke passieren wir aber erst dann, wann wir sie erreicht haben. Alles reicht an eine Grenze: das Auge an den Horizont, die Verzweiflung an das Gedächtnis, die Größe – an die Breite der Schulter.