Die Gebrüder Mann und die Weimarer Republik

Zurück zur Liste

2019-03-17

HANS WIßKIRCHEN

Die Gebrüder Mann und die Weimarer Republik

Zur Einleitung

Wer bei den Brüdern Mann über die Weimarer Republik spricht kann dies nicht tun, ohne die Vorgeschichte zu erzählen. Beide, Thomas und Heinrich Mann, sind groß geworden im deutschen Kaiserreich. Und der Zusammenbruch dieses Staates am Ende des verlorenen Weltkrieges und ihre ganz unterschiedliche Reaktion daraus, ist eine der entscheidenden Voraussetzungen für Ihr späteres Verhältnis zur Ersten Deutschen Republik von Weimar. Mir  ist es im Folgenden darum zu tun, dieses Verhältnis Ihnen in Form eines brüderlichen Gespräches, das durchaus die Kontroverse kennt, vorzustellen.

Bruderkrieg
Am 1. August 1914 trat das Deutsche Reich offiziell an der Seite seines Bündnispartners Österreich-Ungarn in den Krieg ein und rief die Mobilmachung aus. Es begann ein Krieg, der von den damaligen Kriegsparteien als ein regionaler Konflikt angesehen wurde, der nach einer überschaubaren Zeit sein Ende finden würde. Gerade in Deutschland war der Krieg von 1870/71 noch in der kollektiven Erinnerung und diente als Orientierung. Niemand konnte damals ahnen, dass sich diese Auseinandersetzung als der Erste Weltkrieg immer mehr auswachsen und Millionen von Menschen den Tod kosten sollte. Und ebenso wenig war im August 1914 absehbar, dass dieser Krieg zu grundlegenden Veränderungen im Staatengefüge Europas und in der Tektonik der globalen Machtverhältnisse führen sollte. Mit einem Wort: Dass die Welt vier Jahre später eine vollkommen andere sein würde als in diesem Sommer war keinem der Akteure in dieser Radikalität und Deutlichkeit bewusst, auch den Brüdern Mann nicht. Wobei man unterscheiden muss: Der Begeisterung Thomas Manns stand eine sehr reservierte Haltung Heinrich Manns gegenüber.

In den Jahren des Krieges gibt es einen großen Konflikt zwischen den Brüdern Mann. Es stand die Politik vornan, aber die Kunst und das Leben kamen natürlich auch vor.

Als Thomas im vorläufig letzten an Heinrich gerichteten Brief vom „großen, grundanständigen, ja feierlichen Volkskrieg“ schrieb,[i]kam dies gegenüber dem frankophilen Kriegsgegner einer Provokation gleich. Zwischen Ende September und Anfang November 1914 muss das letzte Treffen der Brüder stattgefunden haben, bei dem Thomas leidenschaftlich den Machtanspruch des Deutschen Reiches verteidigte, während Heinrich von der Niederlage und dem Sturz der Monarchie überzeugt war. Danach wechselten die Brüder aufgrund ihrer unterschiedlichen politischen Positionen für Jahre kein Wort mehr miteinander.

Im Spätsommer 1914 bekundete Thomas Mann seine Kriegsbegeisterung in mehreren rasch aufeinanderfolgenden Publikationen. Er sprach sich im Gegensatz zu seinem demokratischen Bruder für  „unser soziales Kaisertum“ aus (Gedanken im Kriege, Nov. 1914)[ii]und deutete den Krieg wie die meisten deutschen Schriftsteller als „Befreiung“,[iii]natürlich davon ausgehend, dass das Deutsche Reich den Sieg davontragen werde. Und er belässt es nicht dabei, sondern er schreckt auch vor einer direkten Kriegspropaganda nicht zurück. In Gute Feldpost(Nov. 1914) heißt es schlicht und einfach: „Es gibt nur einen wirklich ehrenhaften Platz heute, und es ist der vor dem Feind.“[iv]Es ist diese apodiktische Position, die er trotz Verdun und Stellungskrieg, trotz zunehmender Kriegsmüdigkeit in Deutschland, trotz der ab 1917 auch für das Familienleben der Manns deutlich werdenden Einschränkungen im alltäglichen Leben, bis zum Ende des Krieges beibehalten sollte.

Im Rahmen der allgemeinen Kriegsbegeisterung war kein Raum mehr für kritische Stimmen. Die Veröffentlichung von Heinrich Manns Der Untertanals Fortsetzungsroman wurde gestoppt, da „die ärgsten Zensurschwierigkeiten“ gefürchtet wurden, so die Redaktion der Zeitschrift Zeit im Bildam 1. August 1914 an Heinrich Mann: „Im gegenwärtigen Augenblick kann ein großes öffentliches Organ nicht in satirischer Form an deutschen Verhältnissen Kritik üben.“[v]

Heinrich war hier die Ausnahme in Deutschland. Er stimmte nicht den allgemein dominierenden Hurrapatriotismus ein. Er schwieg vielmehr in diesen frühen Tagen der Kriegsbegeisterung.

Seine Position wurde glänzend deutlich gemacht in einem Essay, der im November 1915 in den Weißen Blätternin der neutralen Schweiz erschien.

Um die Zensur zu unterlaufen, war Heinrich Manns Zola-Essay (Nov. 1915) vor allem auf der ersten Wahrnehmungsebene ein biographischer Text über den französischen Schriftsteller und engagierten Intellektuellen Émile Zola (1840-1902). Heinrich projizierte jedoch auch die Kritik am Deutschen Kaiserreich unter Wilhelm II. in das Frankreich Napoleons III.: „Ein Reich, das einzig auf Gewalt bestanden hat und nicht auf Freiheit, Gerechtigkeit und Wahrheit, ein Reich, in dem nur befohlen und gehorcht, verdient und ausgebeutet, des Menschen aber nie geachtet ward, kann nicht siegen.[vi]Er prophezeite den Untergang des Deutschen Kaiserreichs: Die Demokratie werde das „Geschenk der Niederlage“[vii]sein. Dies ist auch als Entgegnung auf Thomas Manns Gedanken im Kriegezu lesen, der höhnte, wie jemand glauben könne, daß Deutschland durch eine Niederlage zu revolutionieren, zu demokratisieren[viii]sei.

Thomas Mann, davon kann man ausgehen, las diesen und andere Texte Heinrich Manns  mit großer Aufmerksamkeit. Und er gab eine Antwort. Inder 1918 geschriebenen Vorrede der Betrachtungeneines Unpolitischennennt Thomas Mann seinen Text einen „mehr als zweijährige[n] Gedankendienst mit der Waffe“[ix]. Im „Kampf der Geister und Federn“[x], wie er den öffentlichen Zwist mit seinem Bruder in den Betrachtungennannte, waren die Worte zu Waffen geworden, zu einem Instrumentarium des Bruderkrieges.

Die Betrachtungenzitieren längere Passagen des Zola-Essay, da diese „in dieses Buch [gehören], welches von der Überzeugung erfüllt ist, daß der gegenwärtige Krieg nicht nur um Macht und Geschäft, sondern namentlich auch um Gedanken geführt wird“[xi]. Heinrich wurde nicht namentlich erwähnt, war jedoch als „Zivilisationsliterat“[xii]omnipräsent. Mit dieser Bezeichnung versah Thomas den Typus des frankophilen Demokraten, dem er vorwarf „mit Leib und Seele zur Entente“[xiii]zu gehören: „Ich sagte, Deutschland habe Feinde in seinen eigenen Mauern, d.h. Verbündete und Förderer der Weltdemokratie.“[xiv]

Ab Februar 1917 wurden Vorabdrucke aus den Betrachtungenpubliziert, doch als der gesamte Essay im Herbst 1918 erschien, standen Waffenstillstand, Niederlage und Zusammenbruch des Deutschen Kaiserreichs bereits kurz bevor. Als „Rückzugsgefecht großen Stils“ verteidigte Thomas Mann seine Betrachtungen1927 in Kultur und Sozialismus, „geliefert im vollen Bewußtsein seiner Aussichtslosigkeit“.[xv]

Hier muss erwähnt werden, dass dieses Schweigen der Brüder Mann, das Aussetzen des brüderlichen Gespräches, in eine der zentralen Epochen der deutschen Geschichte der letzten einhundert Jahre fällt. Da war das Kaiserreich, in dem Sie beide, in Lübeck und München, große geworden waren. Geschützt durch einen starken Staat, im Sinne einer „machtgeschützten Innerlichkeit“ wie es Thomsa Mann einmal bezeichnet hatte. Dann kam der vierjährige 1. Weltkrieg von 1914 bis 1918, der das deutsche Gesellschaftssystem grundlegend erschütterte. Alte Gewissheiten wurden radikal beendet. 1918/19 dann die erste deutsche Revolution, die zum Ende des Kaiserreiches und zur Ausrufung der Republik führte. Und 1919 dann in Weimar die Gründung der Deutschen Republik. Das war eine historische Beschleunigung, von der man sich heute kaum noch eine Vorstellung machen kann.

Die Reaktion der Brüder auf diesen Wandel ist – natürlich – unterschiedlich.

Es gab nur einen Brief Thomas Manns und wir kennen einen Entwurf der Antwort Heinrich Manns. Sie ist von 1918, als der 1. Weltkrieg für Deutschland verloren war.

Heinrich Mann bezieht sich auf Thomas Manns Argument, er könne jetzt feiern, weil er mit seiner Haltung gegen Deutschland recht behalten habe. Dem widerspricht Heinrich Mann entschieden und leitet daraus eine Theorie der Geschichte bei Thomas Mannab:

„Dass alles gut für mich steht u. liegt’, nämlich die Welt in Trümmern u. 10 Millionen Leichen unter der Erde. Das ist doch mal eine Rechtfertigung! Das verspricht doch Genugthuungen dem Ideologen! Aber ich bin nicht der Mann, Elend u. Tod der Völker auf die Liebhabereien meines Geistes zuzuschneiden, ich nicht.“[xvi]

‚Du aber schon‘ – möchte man hinzufügen, denn so ist es zu verstehen! Der Briefentwurf ist klug und blickt tief in das Innere Thomas Manns. Heinrich Mann sieht sehr genau, dass die geschichtliche Wirklichkeit für Thomas Mann immer nur sichtbar und akzeptierbar ist, wenn sie mit dem eigenen Inneren, den eigenen Ansichten in Übereinstimmung gebracht werden kann. Er war tatsächlich der Mann, der alle historischen Abläufe erst für sein Ich „zuschneiden“ musste, ehe eine sichere Wahrnehmung der Gegenwart für ihn möglich war. Selbstliebe und Geschichte, das fasst in Kürze diese Seite des Verhältnisses zur Geschichte bei Thomas Mann zusammen. Heinrich Mann war diese Sicht vollkommen fremd.

Der Wunsch beider Brüder, diesen radikalen Streit zu beenden und die schnellen und radikalen Änderungen der gesellschaftlichen Verhältnisse führten dann Anfang 1922 zum Ende des Bruderkrieges in dieser zugespitzten Form. Die Initiative ging vom jüngeren Bruder aus. Als Heinrich lebensbedrohlich erkrankte, nahm Thomas Mann dies zum Anlass, ihm am 31. Januar 1922 Blumen mit einer versöhnlichen Karte zu senden.[xvii]

„Lieber Heinrich, nimm mit diesen Blumen meine herzlichen Grüße und Wünsche, – ich durfte sie Dir nicht früher senden. Es waren schwere Tage, die hinter uns liegen, aber nun sind wir über den Berg und werden besser gehen, – zusammen, wenn Dir’s ums Herz ist, wie mir.“[xviii]

Die 20er Jahre: Versöhnung und Kampf gegen rechts
Heinrich Mann war zu Beginn der Weimarer Republik eine öffentliche Person, die als eine der integersten Repräsentanten dieser neuen Demokratie angesehen wurde.

Wilhelm Herzog etwa schrieb in der Literarischen Weltvom August 1929: „Inmitten einer im Einzelnen nicht mehr faßbaren Korruption des öffentlichen Lebens steht ein Mann, klar, unbeirrbar, ein kritischer Kopf höchsten Ranges, ein Unerbittlicher, ein Unbestechlicher. Hier ist ein Mensch, der in einer Zeit der Anarchie Ordnung fordert, der inmitten blödfrecher Arroganz bluffender Literaten und sich brüstender Unbildung Haltung bewahrt, der dem Übermut des Hochkapitals nichts als die blanke und scharfe Waffe seines Geistes gegenüberstellt, der durch diese entzauberte Welt hindurchgeht wie ein Mensch von einem andern Stern."[xix]

Herzog hebt die singuläre Stellung Heinrich Manns hervor, weiterhin seinen moralischen Rigorismus, eben seine „Unerbittlichkeit". Er erkennt ferner, daß diese Position aus seiner „Haltung" resultiert, eben aus seiner Stellung jenseits des Flüchtig-Modischen, aus seiner Gründung im 19. Jahrhundert, im Jahrhundert eines Nietzsche, Zola und Flaubert, wie er es selber immer wieder betont hat. Herzog übersieht auch nicht den scharfen Antikapitalismus Heinrich Manns, seine Kritik daran, daß sich der Großkapitalismus die Demokratie untertan gemacht hatte, daß eben Stinnes und nicht die Politiker die Republik in Wahrheit lenkten. Und schließlich kommt er auf die Unzeitgemäßheit Heinrich Manns zu sprechen. Dem „Mensch von einem anderen Stern" bleibt nur der einsame Kampf gegen die obsiegenden Tendenzen der Zeit. Möglich ist ihm wirklich nur der Protest des Geistes. Ein Protest, der in den zwanziger Jahren leider erfolglos verhallt, der aber dennoch nicht nutzlos gewesen ist, weil der Einspruch Heinrich Manns die Zeiten überdauert hat.

Heinrich Mann, der glühende Anhänger der Republik, sah sich daher mit der Spannung von Verfassungspostulat und Verfassungswirklichkeit konfrontiert. Er musste immer stärker wahrnehmen, dass die republikanische Staatsform, die er seit 1910 durch Wort und Tat immer wieder gefordert hatte, voller Mängel und Halbheiten war. Diese Spannung zwischen Ideal und Wirklichkeit ist fast allen wichtigen Texten und Reden in den zwanziger Jahren eingeschrieben. Heinrich Mann musste leidvoll erfahren, dass sich über Demokratie leichter reden und besser träumen ließ, als sie in der konkreten Wirklichkeit täglich zu festigen und verteidigen. Er nähert sich damit dem Bruder Thomas Mann an, der sich der Demokratie von Weimar erst ab 1922 öffnete. Diese Phasenverschiebung im Brüderverhältnis führt dazu, dass auch er, verspätet, den Weg vom Ideal zur Realität geht, wie der vorausgegangene ältere Bruder - allerdings mit anderen Argumenten.

Schon 1919 entwirft Thomas Mann die erste Utopie eines Deutschlands nach dem Krieg: „Deutschland als Kultur, als Meisterwerk, als Verwirklichung seiner Musik; Deutschland, einer klugen und reichen Fuge gleich“ – diese Utopie ist ihm „ein Traum, der wert ist, geträumt, der wert ist, geglaubt zu werden.“[xx]

Das ist nicht mehr das waffenklirrende Deutschland des Krieges, sondern das Deutschland eines Künstlers. Deutschland als „„Verwirklichung seiner Musik“„: Das ist der Staat als ein Kunstwerk, in dem alle Elemente in einer harmonischen Einheit miteinander verschmolzen sind.

Es ist dieser ästhetisch begründete Harmoniegedanke, der sich auch in der 1922 in Berlin gehaltenen Rede Von deutscher Republik findet.Hier vollzieht Thomas Mann einen radikalen politischen Wandel, indem er sich öffentlich zur Weimarer Demokratie bekennt. Das hat ihm den Unmut der Konservativen eingetragen, man warf ihm Verrat an der gemeinsamen Sache vor.

Wie aber ist die Demokratie beschaffen, der sich Thomas Mann zuwendet? Es ist nicht die Realität der deutschen Verhältnisse in den frühen zwanziger Jahren, zu der Thomas Mann sich bekennt. Inflation, Staatsverschuldung und Ruhrbesetzung – das alles steht nicht im Mittelpunkt. Thomas Mann war kein kritikloser Anhänger der neuen demokratischen Verfassung. Das „Pergament von Weimar“, wie er die Verfassung nannte, war ihm vorerst nicht mehr als ein Stück Papier, denn das „wirkliche und nationale Leben“ rage über die abstrakten Formeln immer hinaus. Was er an der Weimarer Demokratie dagegen bejaht, ist die Idee, das utopische Ideal einer noch zu schaffenden Republik. Diese „ideale Republik“ ist wieder die eines Künstlers, die eng mit der Vorstellung von Deutschland als „Verwirklichung seiner Musik“ verbunden ist, in einem zentralen Punkt allerdings darüber hinausgeht:

„Deutsch aber, oder allgemein germanisch, ist [...] die Idee der Humanität, die wir innerlich menschlich und staatlich, aristokratisch und sozial zugleich nannten und die von der politischen Mystik des Slawentums gleichweit entfernt ist wie vom anarchischen Radikal-Individualismus eines gewissen Westens: die Vereinigung von Freiheit und Gleichheit, die ‚echte Harmonie‘, mit einem Worte: die Republik.“ (15.1, 540)

Hier wird die Utopie eines ästhetischen Staates geschildert, der allerdings – und das ist das Neue – östliche und westliche Vorstellungen in sich vereinigt. Deutschland als das Land, das zwischen den in der Aufklärung fußenden Demokratien, vor allem Frankreich und England, und den östlichen Nachbarn, vor allem Russland, seinen eigenen Weg finden muss. Einige Zeilen später fällt dann auch das Wort von der „deutschen Mitte“.

Nun spielen sich auch die politischen Blütenträume eines Dichters vom Range eines Thomas Mann in der konkreten historischen Wirklichkeit ab. Die Utopie hatte sich in der Praxis zu bewähren. So versucht Thomas Mann, sein Ideal der Mitte in der geschichtlichen Wirklichkeit zu verankern. Den eindrucksvollsten Versuch einer solchen Verankerung unternimmt er 1926 mit seiner Rede Lübeck als geistige Lebensform:

„Wenn wir ‚deutsch‘ sagen und ‚bürgerlich‘, so üben wir uns nicht im Partei-Jargon und reden nicht dem internationalen Bourgeois zum Munde. Hier werden die Deutschen nicht eingeteilt in Bürger und Sozialisten. Hier heißt Deutschtum selbst Bürgerlichkeit, Bürgerlichkeit größten Stils, Weltbürgerlichkeit, Weltmitte, Weltgewissen, Weltbe­sonnenheit, welche sich nicht hinreißen läßt und die Idee der Humanität, der Menschlichkeit, des Menschen und seiner Bildung nach rechts und links gegen alle Extremismen kritisch behauptet.“ (GW XI, 397)

Das Moderne dieses Gedankens ist offensichtlich. Gerade heute wird einem das wieder leidvoll bewusst. Man vergisst bei der Abstraktheit des Begriffs der „Mitte“ allzu schnell, dass er sich von den extremistischen Rändern her definiert. So auch bei Thomas Mann. Die „Mitte“, von der Thomas Mann hier spricht, ist zwar noch die Mitte, die er ab 1921 entwickelt hat. Viel stärker ist jetzt aber die Bedrohung der Weimarer Republik von rechts und links durch die Angriffe faschistischer und kommunistischer Kräfte geworden. 1926 waren beide Feinde der Demokratie noch gleichstark, gegen Ende der Republik sind es vor allem die Hitler-Anhänger, die die Humanität bedrohen.

In den letzten Jahren der Republik wurde die Situation immer bedrohlicher. Straßenschlachten zwischen rechten und linken Schlägertruppen waren an der Tagesordnung, und ein Blick auf das Wahlergebnis vom 6.11.1932 zeigt einen Stimmenanteil von 33% für die NSDAP. Thomas Mann ist einer der Schriftsteller, der die Dramatik der Situation in aller Klarheit gesehen hat und in aller Deutlichkeit dagegen angegangen ist.

Hier ist er sich mit dem Bruder Heinrich einig und die Zeit der späten Weimarer Republik kann ohne Einschränkung als der Zeitraum im Leben der Brüder Mann bezeichnet werden, der von der stärksten politischen Übereinstimmung geprägt war. Beide Brüder agitieren öffentlich gegen die Nationalsozialisten. Beide aber ahnten bis zum Schluss nicht, wie schnell und schlimm sich die Verhältnisse mit der Machtergreifung Hitlers im Februar 1933 entwickeln sollten.

So schreibt Heinrich Mann im Mai 1932 an den Bruder, „dass die offene Barbarei sich in diesem Lande nicht wird durchsetzen können. Ihre halben Erfolge und die nie abgestellte Drohung erschweren unsere Thätigkeit schon genug und nöthigen uns viel Kraft daranzusetzen, nur um das Schlimmste aufzuhalten.“[xxi]

Vorher schon engagieren sich beide Brüder gemeinschaftlich um die Ausgestaltung der Akademie der Künste in Berlin. Hier werden viele Briefe gewechselt, die zeigen, wieviel Kraft und Energie beide investieren. Heinrich Mann wird 1931 sogar zum Präsidenten der Sektion für Dichtkunst berufen. Und am Ende der Republik schreibt Heinrich an den Bruder anlässlich eines Briefes über seinen Roman Ein ernstes Leben: „Dein Brief wird das Schönste und Beste bleiben, das ich über mein Buch lesen darf. Ich danke Dir. Du warst mir in jedem Augenblick des Lebens der Nächste und bist es auch hier wieder.“ [xxii]

Auf zwei Ereignisse im brüderlichen Miteinander dieser Zeit ist besonders hinzuweisen. Es sind zwei Höhepunkte im Leben der beiden: Der Nobelpreis für Thomas Mann 1929 und Heinrich Manns sechzigster Geburtstag 1931. Der Hinweis ist auch deshalb wichtig, weil sich in diesen beiden sehr persönlichen Themen etwas für das Verhältnis der Brüder Mann in politischen Dingen Grundlegendes zeigt: Ihre private Kommunikation hat sehr oft etwas Repräsentatives.

So sprich Heinrich Mann angesichts der Nobelpreisverleihung 1929 im Berliner Rundfunk die Psychologie des Erfolges bei Thomas Mann an. Bei allem Lob werden hier auch die Unterschiede zum eigenen Schreiben und Leben mitgenannt. Thomas Mann habe mit Buddenbrooks„an sich“ gearbeitet. Der junge Autor, so war es bei Thomas Mann und so war es bei ganz vielen anderen, auch bei Heinrich Mann, benötigte das Schreiben, zu „seiner Vervollkommnung“. Sehr bald aber sei noch etwas anderes hinzugekommen. Etwas, was Thomas Mann hatte, Heinrich Mann jedoch nicht. Denn es wurde für Thomas Mann zum ehrgeizigen Ziel „auch an seinem Volk zu arbeiten. Er erforschte für seinen Teil die Ursprünge einer seelischen Gemeinschaft, die Deutschland heißt, er wünschte den Neigungen und Zielen dieser seelischen Gemeinschaft zu entsprechen – wenn noch nicht sogleich von Natur aus, dann auf Dauer durch Hingabe und treue Arbeit.“[xxiii]

Hier spielt Heinrich Mann an auf die in den früheren Streitphasen viel kritischer beurteilte Einheit von Dichter und Nation bei Thomas Mann. 1929 sieht er diese Einheit noch genauer und ohne Häme.

„Aber man muss wissen, daß diese reinen, geistigen Tugenden noch nicht ohne weiteres belohnt werden von der Welt. Das läge nicht im Zuge der Wirklichkeit. Die Welt will jede Wahrheit zu ihrer Zeit hören, keine zu spät, aber auch keine zu früh. Die Welt duldet beim Schriftsteller weder Überhebung noch harte Zurechtweisung. Man muss den richtigen Augenblick erfassen, um sie auf den Weg des Besseren zu geleiten. Sogar ihre Fehler muß man zeitweilig mitmachen und verklären. Das alles wird verlangt, damit die Welt geistige Geschenke empfängt, ohne sich zu widersetzen. Sie verlangt Mäßigung, die eine kluge Tugend ist.“[xxiv]

Hier finden wir, sehr kompakt formuliert, das gesamte Bruderverhältnis gespiegelt. Heinrich Mann erweist sich als extrem guter Beobachter des Bruders und auch seiner selbst. Dass man seinem Volk nicht zu weit voraus sein darf, das hatte er gelernt durch den Ersten Weltkrieg, die Deutsche Revolution von 1918/19 und die dann gegründete Weimarer Republik. Er, Heinrich Mann, hatte schon ganz früh, als dies noch niemand für realisierbar hielt, die Republik gefordert. Er hatte gegen den soldatischen Mann in der Wilhelminischen Republik opponiert und angeschrieben, als der Bruder Thomas noch für die kulturelle Überlegenheit des deutschen Volkes gegenüber den Franzosen und Engländern geworben hatte. Er hatte sich damit politisch isoliert und an der verhängnisvollen Entwicklung nichts ändern können.

Der politische Streit hatte zudem zu einem sehr tief reichenden persönlichen Bruderstreit geführt. Thomas Mann, der die deutschen Irrtümer mitgemacht hatte, war den Deutschen weitaus näher als Heinrich Mann, der immer Jahre voraus mit seinen Ansichten gewesen war. Das hatte Heinrich Mann gelernt und das kann er 1929, am Ende der Republik, in der Stunde des größten Ruhmes für den Bruder, neidlos anerkennen.

Auch die Wirkung des Bruders auf das Publikum sieht und bewertet er jetzt anders als in den Krisen-Zeiten zwischen 1914 und 1922. Heinrich Mann spricht die Kernformel von Thomas Manns Werk aus: den „hohen Erfolg“. Damit meint er einen Erfolg der vielen Lesern „eine Ahnung vermittelt von geisteigen Erkenntnissen, sittlicher Verantwortung und Feinheit des Geschmack, was sonst nur ganz wenigen gehören würde“. Das sei Thomas Mann mit seinem Werk gelungen. „Die erstaunliche Popularität des Geistigen: das ist der hohe Erfolg.“[xxv]

Heinrich Manns Lob zum Nobelpreis korrespondiert mit Thomas Manns Lob zum Geburtstag. In der Ansprache an den Bruderzeichnet Thomas Mann zum sechzigstem Geburtstag von Heinrich Mann ein Bild der brüderlichen Eintracht, das sehr stark auf der gemeinsamen Jugend in Lübeck basiert.

„Brüder sein, das heißt: Zusammen in einem würdig provinziellen Winkel des Vaterlandes kleine Jungen sein und sich zusammen über den würdigen Winkel lustig machen“.“[xxvi]So beginnt die Ansprache Thomas Manns. Sie ruft die alte Stadt als Urgrund eines literarischen Lebensweges auf, den man zwar kritisiert, ironisiert und hinter sich gelassen, aber nie verlassen hatte. Vielmehr gilt an diesem Festtag, dass man „gemeinsam dem wirklichkeitsreinen Unernst von einst im tiefsten die Treue“ gehalten habe.[xxvii]

Aber Thomas Mann belässt es nicht bei dieser ironisch-harmonischen Sicht auf das Lübeck der Jugend, sondern er wird konkreter und verbindet die Stadt von damals mit den aktuellen politischen Problemen der späten Weimarer Republik. Ich erinnere, wie schreiben das Jahr 1931. Das heutige Lübeck, so fährt er fort, habe zwar einen „sozialdemokratischen Bürgermeister“ und eine „kommunistische Fraktion im Bürgerschaftsparlament“, eben eine „moderne Normalität“, die ihren Vorvätern sicher suspekt anmute.[xxviii]Was Thomas Mann hier in Kürze schildert, ist die Geschichte der Weimarer Republik. Lübeck steht pars pro toto für die Entwicklung seit dem Ersten Weltkrieg in Deutschland: vom konservativen Obrigkeitsstaat zu einer Republik, in der Sozialdemokraten und Kommunisten im Reichstag sitzen.

Beide haben sich am Ende der Weimarer Republik auch in ihren politischen Reden und Essays mit aller Macht gegen den immer stärker die Republik angreifenden Nationalsozialismus gewehrt. So etwa Thomas Mann in einer Rede vor Arbeitern in Wien, im Jahre 1932. Seine Analyse mutet, leider, wieder hochaktuell an, wenn er sagt:

„Ich habe die Bindung an Heimat, Scholle, Vaterland und Volkskultur als eine natürliche Gegebenheit bezeichnet, die in diesem Sinne heilig und unverwüstlich ist. Das hindert nicht, daß für das politische und soziale Leben die nationale Idee heute die Führung, die Zukunft nicht mehr für sich in Anspruch nehmen kann.“ (XI, 907)

Aber er weiß auch, dass die linke Bewegung den Nationalsozialismus nicht stoppen kann und hofft, wie sein Bruder Heinrich, dass die gemäßigte Rechte Hitler aufhalten kann und der sozialen Republik Zeit gibt sich zu regenerieren. Eine leider vergebliche Hoffnung, wie wir heute aus der Rückschau wissen.

Die Republik wurde 1933 durch den Putsch Hitlers beendet. Und die Brüder Mann lebten von dieser Zeit an im Ausland. Heinrich Mann bis zu seinem Tod im Jahre 1950 erst in Frankreich, in Nizza und dann in den USA, in Los Angeles. Thomas Manns bis zu seinem Tod im Jahre 1955 erst in Zürich, dann in Princeton und Los Angeles und am Ende seines Lebens noch einmal am Zürichsee.

Abschließend muss noch auf einen wichtigen Gedanken in der Geburtstagsansprache hingewiesen werden. Thomas Mann beschreibt auch die Literatur des Bruders und er tut es mit derselben Begrifflichkeit wie früher. Während er aber damals das Nicht-Deutsche, das Französische etwa, negativ sah, sieht er es jetzt, als die Weimarer Republik bedroht ist, als etwas Positives an.

„O ja, undeutsch ist die Liebesherrschaft dieses gallischen Bildungselements, das dein literarisches Timbre färbt, den Tonfall, die Gebärde deiner Prosa bestimmt – undeutsch im Sinne jener Resignation, die gewisse Eigenschaften: Helligkeit, Brio, Wurf und Glanz, Kritik, Farbigkeit, eine sinnliche Geistigkeit, psychologischen Instinkt, artistische Delikatesse ein für allemal vom Begriff der Deutschheit ausschließen will und behauptet, dergleichen komme ihr nun einmal nicht zu. Wenn es ihr nun aber einmal zukommt? Wenn es nun einmal aus Deutschland kommt, so daß kein Gallier es besser machen könnte, was dann? Sollte es nicht, als Erweiterung nationaler Möglichkeiten, ein Gegenstand der Genugtuung sein und ein Anlaß zu dem Hinweis: ‚Seht, das haben wir auch‘?“[xxix]

Hier zeigt sich ein weiter Weg, den Thomas Mann in bald dreißig Jahren zurückgelegt hat. Jetzt, wo der deutsche Nationalsozialismus immer stärker wird, die reaktionären Tendenzen die Republik ein wenig auch schon die Brüder Mann bedrohen, sieht er die Literatur des Bruders in einem anderen Licht. Sie ist immer noch eine moderne, internationale, körperlich-sinnliche Literatur. Am Befund ändert sich nichts. Aber was er 1903 von einem konservativ-deutschen Standpunkt abgelehnt hatte, das lobt er nun von einem republikanisch-europäischen Standpunkt aus. Die besonderen Qualitäten des Bruders sieht er jetzt als eine Chance für die Literatur und als einen notwendigen Gegenentwurf zur aktuellen kulturpolitischen Situation. So kann er resümierend feststellen:

„Wahrhaftig, was deutsch ist, was alles deutsch sein kann und welchen Platz dein Werk einnehmen wird in deutscher Formengeschichte, darüber werden endgültig nicht die zu befinden haben, die heute den keineswegs einfältigen Begriff des Deutschen zu verwalten sich anmaßen.“[xxx]

Die Brüder Mann haben damals, am Ende Der Weimarer Republik mit ihrem literarischen und politischen Eintreten für die erste Deutsche Republik keinen Erfolg gehabt. All ihrer Schreiben und Reden hat nicht geholfen. Hitler kam an die Macht und das freie Wort und die freie Rede war sehr schnell verboten und verfemt.

Es wäre aber falsch, damit das Wirken der Brüder Mann als vergeblich zu bezeichnen. Sie sind ins Exil gegangen und haben von dort aus Ihren Kampf gegen den Nationalsozialismus weitergeführt. Sie sind in die Fremde gegangen, weil nur dort ein demokratisches und kulturfreundliches Deutschland weiter existieren konnte.

Oder, mit den Worten Thomas Manns, die er zu Beginn seine amerikanischen Exils 1938 sagte:

„Wo ich bin, ist Deutschland. Ich trage meine deutsche Kultur in mir.“[xxxi]

(„Where I am, there is Germany. I carry my German culture in me“.)

Damit war eine Kontinuität geschaffen. Damit war das gute Deutschland auch die Jahre 1933 bis 1945 in Gestalt von zwei großen Schriftstellerbrüdern weiter präsent. Daran konnte nach 1945, wenn auch nicht bruchlos und unter Schwierigkeiten, dann wieder angeknüpft werden. Aber das ist eine neue Geschichte, die ich Ihnen heute nicht mehr erzählen kann.