Der Sieger des Essay-Wettbewerbs - Vaida Ambrazaitė

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2017-09-25

Vaida Ambrasaitė. "Büchse der Pandora?"

Überschrift. Ein junger Mann tötete seine ganze Familie und floh anschließend. Ich schaue kurz vom Artikel auf. Der ganze Platz ist sonnenbeschienen. Die Sonne blendet. Ich lese die Nachrichten nicht mehr weiter. Der Kontrast zwischen dem Licht und der Dunkelheit ist zu groß und zu schmerzhaft. Ich sehe mich auf dem Lukiškės-Platz um – er ist voll von fröhlichen Menschen. Einige machen Fotos, Pärchen küssen sich, Freundinnen plaudern heiter miteinander, jemand... Es ist doch Frühling. Alles erwacht. Genauer gesagt, die Natur erwacht. Die Natur des Menschen und die Natur im Menschen. Die Instinkte. Die Opfer und die Raubtiere. Der Blutdurst. Wer ist daran schuld? Der Frühling? Die Menschen? Die menschliche Natur? Ich weiß, dass jemand daran schuld sein muss. Eine andere Vorstellung ist für die menschliche Mentalität nicht denkbar. Ich versuche, meine Gedanken in eine andere Richtung zu lenken und nicht mehr daran zu denken. Meine Augen beginnen irgendwo zwischen Sand und Himmel hin und her zu wandern. Aber die Gedanken.. Die Gedanken.. Die Gedanken muss man domestizieren wie vor vierzigtausend Jahren den ersten Hund. Was ist bloß los mit den Gedanken... Die Hunde sind schon so lange an die Menschen gebunden, dass jetzt sogar die Menschen an die Hunde gebunden sind. Niemand wundert sich heute mehr über Hundehotels und -friedhöfe. Ich glaube, bald wird es auch ein Hundekrematorium geben oder vielleicht werden sich die schon vor langer Zeit aufgetauchten Hunderoboter durchsetzen, die weder begraben noch kremiert noch in irgendeinem Hotel untergebracht werden müssen. Kein Bock mehr – einfach ausschalten. Ganz einfach. Folglich: Die Evolution des Hundes ist beeindruckend. Alles in Ordnung, wir befinden uns schließlich im einundzwanzigsten Jahrhundert. Aber unsere Gedanken.. Meine Gedanken durchlaufen keine Evolution. Obwohl mein Gehirn vielleicht von der Evolution betroffen ist, sind es meine Gedanken aber nicht. Sie sind irgendwo weit zurückgeblieben, weit hinter der letzten Eiszeit. Sie müssen noch immer domestiziert werden und auf eine Programmierung oder auf ein Krematorium werden sie noch lange warten müssen.

Vielleicht ist das Pandoras Schuld! (Meine Mentalität wird wach und irgendwo ganz tief in mir schreit sie auf, ohne ein Echo zu werfen). Die Pandora. Ist das nicht die, die damals alle Übel aus ihrer Büchse gelassen hat? Ja, aber.. Bis heute war ich Pandora dafür dankbar, dass sich dank ihr nur bestimmte Menschen mit Lorbeerkränzen schmücken durften. Nämlich die, die ihre Dornenkronen schon zerschlissen haben. Das Problem liegt jetzt wohl darin, dass die Büchse der Pandora restauriert und erneut geöffnet wurde. Diesmal aber nicht durch Pandoras Hände, sondern durch deren Hände. Nachahmungen sind aber meist ein Misserfolg. Diese Nachahmung war auch ein Misserfolg. Sie misslang nicht nur, sondern war sogar noch schlechter. Sie war aus Hoffnung, aus dem Glauben an das Glück und aus menschlicher Naivität zusammengezimmert. Im Gegensatz zu ihrem Original zwang uns die neue Büchse aber nicht zur Selbstfindung, sondern zum Selbstverlust. Zum Vergessen. Zum Zertreten. Manche dazu, nicht zurückzukehren. Zu sich selbst. Oder ganz einfach in das eigene Land zurück. Manche sind zurückgekehrt. Manche werden nie wieder zurückkommen. Ich blicke in den Himmel. Eine große Wolke näherte sich der Sonne. Sie glitt schnell dahin und verdeckte die Sonne bereits fast. Ich blicke wieder zurück auf den Platz. Ich werde nie wieder zu jenem Onkel fahren. Er ist einer von denen, die es nicht geschafft haben, sich selbst aufzusammeln. Vielen geht es so. Nachdem die zweite (jene) Büchse der Pandora geöffnet wurde. Der Onkel hat ein Recht darauf, so zu leben, wie er will, und nach der Philosophie, die ihm gefällt. Was soll man machen. Ein Generationsunterschied. Ich habe nichts dagegen. Aber von seiner Philosophie wird mir übel. Ich muss würgen. Wirklich. Das ist eine physische Erscheinungsform des Ekels. Wenn du die bereits trivial gewordene Phrase „Unter den Russen war es besser“ hörst, dann hilft dir nicht einmal der Spruch des seligen Jurgis Matulaitis „Überwinde das Böse mit Gutem“. Wenn ich auf den Onkel mit Gutem reagieren soll, bedeutet das einfach, dass ich das Böse sogar noch ansporne und dass es sich weiter ausbreiten wird. In solchen Fällen helfen auch die psychologischen Theorien über Liebe und Toleranz nichts. Nichts hilft. Ein Mensch, dessen Mutter noch lebend aus Sibirien zurückkehrte, erzählte mir, wie sie schlief und am Morgen die Kälte spürte. Nicht irgendeine Kälte. Todeskälte. Man schlief eben aneinandergepresst, damit es wärmer werde. Leider hatte die Wärme für ihre beiden Nachbarn nicht ausgereicht. Sie wachte auf und schaute sich um: Der auf der einen Seite war bereits erfroren, und der auf der anderen Seite auch. Diejenigen, die die nachgemachte Büchse der Pandora geöffnet haben, haben das Bewusstsein so manch eines insofern ausradiert, dass der dann geneigt ist, nicht mehr für seine Mitmenschen Bedauern zu zeigen, sondern nur für die vergangenen Zeiten. Zum Glück ist meine Oma aus Sibirien (welches ihr zweites Zuhause wurde) zurückgekehrt. Mein Onkel wird dagegen niemals aus seiner utopischen Welt zurückkehren. Es ist mir schon klar, dass Menschen, die so reden, wegen ihrer „verlorenen“ Jugend und Kindheit Wehmut empfinden. Aber. Trotzdem. Wie kann ein Mensch, der mit sich im Reinen ist, so etwas sagen? Das Verhältnis des Gewissens zu sich selbst ist häufig kompliziert, aber dennoch. Wieso werden die Zungen dieser Leute nicht gelähmt? Das kann ich nicht begreifen. Ich kann vieles in diesem Leben nicht begreifen. Aber das eben auch nicht. Wie kann man ein System verherrlichen, das sich mit dem Symbol der blutigen Rose schmückt. 

Nein, ich werde ganz sicher nie wieder zu meinem Onkel fahren. Und er wird auch weiterhin zu den „Russkis“ fahren, um dort illegalen Kraftstoff und billigere Medikamente zu kaufen. Die wirken ja auch besser. Weil sie die russische Luft geatmet haben. Ich ertappe mich dabei, wie ich den Baum vor mir anstarre. Die Welt wird wieder von der Sonne beleuchtet. Von einer grellen Sonne. Ich lehne mich auf der Bank zurück und schließe meine Augen. Ich spüre, wie die Sonne mich wärmt und wie die saubere und die belastete Luft durch meine Nasenlöcher zirkulieren. Etwas ist hängen geblieben. Irgendetwas ist aus jener Büchse bei uns hängen geblieben. Zum Beispiel die Eigenheiten im Denken mancher Menschen. Man kann es mit den Zahlen vergleichen. Zum Beispiel, wenn wir zehn durch drei teilen. Das ergibt 3,3333333.... Ja, mit der ersten Drei ist alles klar. Und die weiteren Dreien, die nach dem Komma stehen? Sie sind der Rest. Es ist unklar, was man damit machen soll. Und am schlimmsten ist es, dass er sich bis zur Unendlichkeit fortsetzt. Die erste Drei ist keine schlechte Zahl – es ist halt eine Zahl. Aber die restlichen nach dem Komma, die fallen gleich auf. Es ist etwas nicht in Ordnung mit ihnen. Die Büchse der Pandora. Als sie im 20. Jahrhundert geöffnet wurde, sind komische Dreien entstanden. Unendlich viele. Ich wende meinen Kopf Richtung Himmel und öffne meine Augen. Vor meinen Augen erstreckt sich die wahre Unendlichkeit. Ich atme tief ein und aus. Und schließe meine Augen wieder. Die Zahl Zehn. Es ist doch schade, dass sie nach der Öffnung der Büchse geteilt wurde. Es ist eine solch natürliche Zahl. Wir haben ja zehn Finger und zehn Zehen. Es ist offensichtlich, dass die Zahl Zehn von Natur aus angeboren ist. Jemand hat vor mehr als zweitausend Jahren zehn Sätze gesagt und sie wurden zu Geboten. Zu einer Grundlage von Tugenden, Werten und der Buße. Zu einer Grundlage, die einige Leute später zu zerteilen oder völlig zu löschen versuchten. In einigen Fällen ist es ihnen auch gelungen. Und wenn sie sie nicht gelöscht haben, dann haben sie sie zumindest zerteilt und einen Rest übrig gelassen. Es war doch solch eine organische Zahl. Das Organische. Die Natur ist in der Tat eine tolle Schöpfung. Alles ist in der Natur geordnet. Organisch. Der einzige schädliche Teil der Natur ist der Mensch. Ich öffne meine Augen, senke meinen Kopf zum Platz hin und schaue mich um. Als meine immer noch anwesenden Gedanken über die Natur mich an die Geschichte dieses Platzes erinnerten, musste ich sogar lächeln. Früher, als auf diesem Platz noch die Lenin-Statue gestanden hatte, mussten die Jungkommunisten die Tauben von diesem Ort verscheuchen. Aus einem ganz einfachen Grund. Die Tauben besudelten gerne Lenins Kopf. Es mag komisch sein, aber die Natur hat tatsächlich ein organisches Gespür für die Umgebung. Ich betrachte die freudigen Menschen auf dem Platz. Sie freuen sich über den Frühling, über einander, über sich selbst. Und ich habe den Gedanken, wie wir, die Menschen, dieses Organische doch verloren haben. Wir jubeln auf einem Platz, auf dem ehemals der größte Stadtgalgen stand und auf dem ein System verherrlicht wurde, das sich mit einem Symbol schmückte, das mit dem Blut unserer Ahnen und unserer Großeltern gefärbt wurde. Rot. Schreiendes Rot. Wenn man die Ohren spitzt, kann man auch die Wehklagen, das Seufzen und die Schreie hören. Allerdings hören nicht alle diese Schreie. Die Schreie einer Frau, die mit Schwefelsäure übergossen wurde, einer Frau, deren Kinder in ihren Armen gestorben sind und die sie selbst zur Grube gebracht und hineingeworfen hat, die Schreie... Vielleicht sind die Menschen heute einfach taub geworden? Eines der größten Übel, das aus der Büchse des 20. Jahrhunderts herausgefallen ist, ist doch wohl, dass die Grenze zwischen Leben und Tod verwischt wurde. Geblieben ist nur eine Strichelung. Heute wird die Ehefrau verhört, morgen kann sie bereits tot sein. Heute läufst du noch frei herum, nach einigen Tagen kannst du schon in einem Steinbruchschacht landen – und wenn du stirbst, merkt es niemand. Der Tod war hautnah. Er folgte den Menschen jeden Tag auf dem Fuße. Das war quasi die Rückkehr zur Barock-Kultur. Man schuf allerdings keine Werke über das Sterben. Im Gegenteil. Die Todesahnung prägte den Alltag. Unser Alltag veränderte sich ständig. Aber diese Todesahnung, die uns eine Norm geworden ist und uns nicht mehr erschreckt, ist geblieben. Auch jetzt ist sie für die Menschen, die das Leben auf einem durchbluteten Platz feiern, nicht unheimlich. Ein junger Mann tötete seine ganze Familie und floh anschließend. Ich werfe den Blick auf den Artikel und lese die Überschrift noch einmal. Ja, die Grausamkeit, die aus der Büchse der Pandora des 20. Jahrhunderts befreit wurde, verfolgt uns bis zum heutigen Tage. Selbst wenn wir versuchen, davor wegzurennen, beschleunigt sie nur ihren Schritt. Und sie führt eine weitere Figur an der Hand, die vielleicht sogar der Held des 20. Jahrhunderts ist: den Alkohol. Da haben wir es. Eine Symbiose, die die Menschen verfolgt und auf eine barocke Weltsicht zurückwirft: Der Tod ist hautnah. Nur im schlechteren Sinne dieser Einstellung. Überall ist so viel Tod. Den sehen wir aber nicht. Genauso wie wir die Schreie nicht hören. Oder nicht hören wollen. Oder keine Angst vor ihnen haben. Oder daran gewöhnt sind. Wir sind daran gewöhnt, in Rechtecken zu leben. Wobei die rote Farbe in den Rechtecken bereits verblichen ist. Die Rechtecke. Überall nur Rechtecke. Die Konzentrationslager sind rechteckig, ihre Zäune ergeben ein Rechteck, das Krematorium ist auch ein Rechteck, die Fenster des Gefängnisses sind ein Rechtecke, der Lukiškės-Platz ist ein Rechteck, die Zeitung ist ein Rechteck. In meinem Kopf -? Ein Dreieck? Ich ziehe eine Zigarette hervor und spüre, wie der Rauch in meinen Organismus eindringt und ihn wieder verlässt und dabei die Bleipartikel mitführt. Also, ein Dreieck. Ja, ein Dreieck. Seine Fläche lässt sich durch einfaches Multiplizieren der Seiten nicht berechnen. Man muss auch noch teilen. Ich schnipse die Asche in den Mülleimer neben der Bank. Und konzentriere mich auf den Prozess des Rauchens, um nicht mehr an etwas zu denken. Menschen, die in irgendeine (oft schädliche) Tätigkeit verwickelt sind, tun immer genau das – sie denken nicht. Und es ist ihnen egal, was für eine Tat oder Untat es ist... Zigaretten, der bereits erwähnte Alkohol, Schachspielen oder eine Partei. Aber meine Gedanken... Es ist schwer, sich mit ihnen zu arrangieren. Es ist schwer, sie nicht zu denken. Die Gedanken prallen in mir ab und kommen wie ein Bumerang zurück. Je weiter du sie wirfst, desto größer wird die Kraft, mit der sie zurückkommen. Ich werfe die Kippe weg. Jetzt schließe ich meine Augen und atme die reine Luft ein, für die es endlich Platz gibt. Ich öffne meine Augen wieder – ich blicke auf den Platz: Die Sonne schien so schmerzhaft und blendend. So, wie das alleine die Sonnenstrahlen können, wenn sie sich auf dem Eisen spiegeln. Selbst wenn das Eisen verrostet ist. Es kann noch gut spiegeln. Schmerzhaftes Licht. Das aus jener Büchse der Pandora herausgelassen wurde. Und (nicht) nur den Lukiškės-Platz erleuchtet hat. Nur die Menschen, die sich in diesem Rechteck befinden, können entscheiden, ob das Rechteck geteilt wird. Ob man darin ein allsehendes Auge zeichnen wird. Es hallt in meinem Kopf: Du sollst nicht lügen. Du sollst nicht lügen. Aber ich weiß nicht mehr, was wahr ist. Wegen der Hände jener Menschen. Wegen der Büchse der Pandora, die sie gezimmert haben. Jener zweiten Büchse also. Meine Augen wandern weiterhin zwischen dem Sand auf dem Lukiškės-Platz und dem Himmel hin und her, und meine Gedanken zwischen Alpha und Omega.