Der Sieger des Essay-Wettbewerbs - Ernesta Dambrauskaitė

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2017-09-25

Ernesta Dambrauskaitė. "Wo ich geboren und aufgewachsen bin"

Soweit ich mich erinnern kann, war in dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, die Büchse der Pandora immer offen. Als ich noch ein Kind war, erschien mir vieles, wovor mir jetzt gruselt, selbstverständlich. Manchmal wache ich in der Nacht auf, erschreckt davon, wie ich war und in welcher Umgebung ich lebte. Ich schreite über die ausgetretenen Wege und stoße auf sinnlose Ereignisse, die alle in das Dorfgedächtnis eingegangen sind. Viele von ihnen wurden umerzählt, umgedeutet und sind bereits zu seltsamen Mythen geworden. Alle wissen, dass vor mehr als zehn Jahren die N. und der A. beim Walderdbeerenberg, der in Richtung der Dubysa liegt, miteinander geschlafen haben. Auch zweifelt keiner daran, dass die N. später meine Stiefmutter wurde.

Viele haben sich darüber lustig gemacht, dass ich die Dorfchronistin geben würde. Ich habe ständig heimliche Tagebücher, Listen der Jungs, in die ich verliebt war, Listen meiner Freunde, die Namen meiner zukünftigen Babys sowie meine Zukunft schriftlich festgehalten. Manchmal schrieb ich mir über die Woche mehrere Lebenswegvarianten zusammen, weil ich mein tatsächliches Leben nicht leben wollte. Genauso zog ich, wenn ich mitten in das Epizentrum des Chaos geraten war, mein Heft heraus und schrieb die betrunkenen Textfragmente auf. Von Zeit zu Zeit änderten sich die Menschen, aber ihr Gerede blieb das gleiche: Das Leben ist schlecht, ojemine, wie schlecht es ist, alle sind böse, welch ein mieses Dasein, ach wie schlimm, wie schlecht, der Weizen ist noch nicht ausgesät, die Kartoffeln sind noch nicht gepflanzt, die Kinder sind noch nicht gewaschen und sie wollen einfach nicht einschlafen, ach wie übel, wie soll es jetzt bloß weitergehen... Ich kann eigentlich behaupten, dass die Chronik des irren Saufgeredes sich gelohnt hat. Denn jetzt habe ich etwas, was mich an meine Mutter erinnert. Ihr längst vergangenes Leben läuft erst in meinen Buchstaben und Sätzen auseinander und fällt dann in Gestalt eines Schreibheftes zurück in meine Hand – und das ist alles, was ich noch von ihr habe.

In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, war es für einen Mann üblich, seine Frau zu schlagen. Und eine Frau musste Schmerzen und Erniedrigungen stoisch ertragen, und zwar um ihrer Kinder und des „heiligen Friedens“ willen. In den kleinen Dorfgemeinschaften, in denen es üblich war, für den Weg nach Hause eine Abkürzung über den Hof des Nachbarn zu nehmen, waren Scheidungen unpopulär. Die erste Frau, die es gewagt hatte, ihren Mann zu verlassen, war nicht mehr als vollwertiges Mitglied in die Dorfgemeinschaft zurückgekehrt. Genauso, wie ein gestriger Tag oder ein verlorenes Leben nicht mehr zurückkehren.

Mein Vater war ein Opfergeber. Er entzog den kleinen Ferkeln und den heranwachsenden Ebern das Recht auf ihre Männlichkeit. In den umliegenden Dörfern war er in diesem Bereich als Profi bekannt. Wahrscheinlich deswegen, weil er ehedem Veterinärmedizin studiert hatte, obwohl er das Studium nie abgeschlossen hatte. Wofür er immer der Liebe die Schuld gegeben hat. Dann bin ich erwachsen geworden und habe verstanden, dass die wahre Liebe einen nicht zwingt, das aufzugeben oder auf das zu verzichten, was einem wichtig ist. Daher weiß ich bis heute nicht, was ihn dazu gebracht hat, sich so zu verhalten. Wie dem auch sei, er kam einmal spät abends von einem Dorfbauern nach Hause. Er brachte die Hoden eines kastrierten Ebers mit. Sie erinnerten an Nieren und stanken. Mein Vater zerhackte die Hoden mit merkwürdigem Genuss und briet sie. Dann aß er sie und lobte sie, wie lecker sie seien. Er war ein Opfergeber, der vom erstarrten Samen jene Stärke und Männlichkeit gewinnen wollte, die ihm oft so sehr fehlten. Insbesondere fehlten sie ihm damals – an jenem Abend sind die Hoden sein einziger Lohn für seine Arbeit gewesen. Solange ich noch nicht wusste, dass es für manche Menschen auf dieser Welt ganz normal ist, einfach nichts zu bezahlen, war ich vollkommen glücklich.

In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, hat man mich, als ich noch ganz klein war, einmal mit dem halbwüchsigen Dorfnarren alleingelassen. Ich wusste nicht, warum seine Hände zwischen meine Beine gerieten und warum es mir schwindlig wurde. Noch jetzt fühle ich mich manchmal so unrein und schmutzig – es gibt kein Wasser, das die Erinnerungen, die man erst versteht, nachdem sie ihren Sinn verloren haben, abwaschen könnte. Im selben Dorf habe ich später eine junge Frau getroffen, deren zärtliche Lippen zu einer gewissen Zeit meine einzige Hoffnung und mein einziger Trost waren. Dieses Mädchen hat mir, als wäre es Lyssa, die Göttin des Wahnsinns, geholfen, meine Irrwege durchzulaufen und vor mir selbst zu erschrecken.

In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, habe ich meine erste Liebe getroffen. Für ihn habe ich eine weitere Büchse der Pandora geöffnet – diesmal in meiner Seele. Mit vollen Händen nahm ich meinen ganzen Stolz auf und besprengte damit die ausgetretenen Wege zum Haus meines Liebsten. Kein einziges Mal ist er mit mir in die Nacht herausgegangen, obwohl ich den ganzen Sommer lang vor seiner Schwelle ausharrte. Einmal, als er noch zur Schule ging und auch ich noch zur Schule ging und wir beide auf den Bus warteten, wurde ich von ihm verspottet. Meine große Liebe hat mich wegen meiner Leidenschaft für Bücher einen Grünschnabel geschimpft. Also habe ich aufgehört, von Büchern zu reden, und warf meine beschädigte Seele dem Erstbesten hin. Einige Jahre später nahm ich meinen jetzigen Auserwählten ins Dorf mit. Er beobachtete still die Gespenster meines vergangenen Lebens und sagte nichts.

In das Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, kam manchmal mein Opa zu Besuch. In Sommer bauten wir dann neben den Teich ein Zelt aus Zeltbahn. Wir legten ein bisschen Stroh unter, damit es weicher ist. Das Bettzeug legten wir aber erst vorm Schlafengehen hin, damit es trocken bleibt. Es war ein großes Privileg und eine reine Freude, mit Opa in einem Zelt zu schlafen und sich seine Geschichten von der Nachkriegszeit, von den Tagen der Armut, vom Hunger und von den Streichen anzuhören, die sie in der Schule gespielt haben. In der Grundschule mussten wir mal mit jemandem von den Dorfalten sprechen, der uns etwas aus der Vergangenheit erzählen sollte. Wir gingen zu einem alten Mütterchen und versuchten, mit ihr ins Gespräch zu kommen. Sie konnte sich aber an fast nichts mehr erinnern und konnte uns darüber hinaus nicht gut hören. Unser Familienopa war dagegen eine Quelle der Weisheit. Er erinnerte sich nicht nur daran, was er in der Schule gelernt hatte oder welchen Unfug er getrieben hatte. Genauso gingen ihm gespenstische Erzählungen, die Würze des Verlustes und die Reiseerinnerungen eines Schneiders über die Lippen. Als er von der Eule oder von den Wölfen erzählte, war es schwierig, die angespannten Blicke zu übersehen, so bildhaft war seine Rede. Heute, wo ich weiß, wie ich ihn zum Reden bringe und was ich ihn fragen sollte, besuche ich ihn immer seltener. Ich scheue mich immer mehr davor, ihn zu fragen, wie es ihm geht, wie es seiner hungernden, in Vergessenheit geratenen Jugendzeit geht …

In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, sind wir eines schönen Tages zu viert aus dem Haus gegangen. Wir gingen durch Wälder, über Wiesen und Hänge, wir bahnten uns durch Brennnesseln und Gräser einen Weg, bis wir an die Dubysa kamen. Wir zogen uns aus. Unsere Klamotten ließen wir aber nicht am Ufer liegen, damit sich nicht irgendeine Natter darin versteckte. Wir steckten sie in eine Plastiktüte und dann stiegen wir ins Wasser. Anfangs waren wir noch scheu. Wir fühlten den Sand fremder Ufer unter unseren Füßen und er saugte uns berauschend ein. Die Strömung erschien uns unbekannt und das Wasser an den Ufern viel dunkler und düsterer als üblich. Wir hielten uns in der Mitte und wechselten oft unsere Plätze. Keine von uns konnte für längere Zeit die sein, die mutig den Weg zeigt. Nach kurzer Zeit fanden wir einen Baumstamm, der auf eine Sandbank aufgelaufen war. Wir befestigten unsere Kleidung an einem herausstehenden Zweig, klammerten uns an den Baum und ließen uns so von der Strömung treiben. Sofort verlangsamte sich unser Leben und es wurde weich wie die Kruste von frischem Brot. 

Unterwegs haben wir dann noch viele Kanufahrer getroffen und auch Gesellschaften, die am gegenüberliegenden Ufer der Dubysa ein Picknick hielten und die uns ständig einluden, sich zu ihnen zu gesellen. Wir ließen uns jedoch nicht von unserer Richtung abhalten. Wir hielten uns an unsere Strömung, obwohl es richtiger wäre zu sagen, dass die Strömung uns hielt. Auf einmal fühlten wir unter unseren Füßen einen Abgrund, das Nichts, den Anfang der Welt. Die Hände einer erschreckenden Tiefe berührten uns – unter unseren Füßen gab es keine Erde mehr. Für einen Augenblick blieben der Sommer und unsere Herzen stehen. Die Dubysa nahm uns für eine lange Zeit mit. Wir waren jetzt gleichsam Vermittlerinnen zwischen zwei Ufern, dem eines fremden und dem des eigenen Landes. Jugend und Angst, von fremden Göttern erobert zu werden, glänzten in den Augen der vier Göttinnen.

Wir wurden noch lange von der Strömung davon getrieben, bis wir endlich unser eigenes Ufer erreichten. In dem Dorf, in dem ich geboren und aufgewachsen bin, gerate ich sowieso letztendlich immer an die Stelle, mit der alles begann. Von den ersten Worten zu einem unbeschreiblichen Alkoholrausch. Von den Nachbarn, die nachts an unsere Fenster klopften, zu einem aufgehängten Hund. Vom enteignetem Land zu abgeholzten Wäldern. Von einem gewalttätigen Ehemann zu einem Tomatendieb. Von einem angezündeten Stall zu abgebrannten Auen der Dubysa. Von dem ersten Kuss zur letzten Ölung. Nur hier, wo ich den Geschmack von den Übeln der Pandora kennengelernt habe, kann ich diesen Geschmack auch wieder abspülen. Und zwar mit dem kühlen Quellenwasser, das in der Dubysa fließt und das mich, so wie ich war, vollendet.