Der erste Plan zur Wiedererrichtung des litauischen Staates und seine Alternativen

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2019-03-17

Alfonsas Eidintas

Der erste Plan zur Wiedererrichtung des litauischen Staates und seine Alternativen

Das Erscheinendes litauischen Staates nach dem Ersten Weltkrieg sowie weiterer in dieser Region weckte noch lange großes Erstaunen, umso mehr, da sich diese Geschichte um das Jahr 1990 wiederholte. Litauen war seit 1795 Bestandteil des russischen Imperiums gewesen, doch der Krieg und die deutsche Besatzung seit 1915 hatten die Rolle des russischen Faktors in der litauischen Bewegung ziemlich minimiert und den deutschen Faktor hervorgehoben. Ebenfalls wartete nun der polnische Faktor, der sich herausstellte, als Litauen seinen unabhängigen Staat wieder zu begründen begann. Mit der Zeit beginnen einige Ereignisse immer mehr Schattierungen zu gewinnen und lassen sich heute anders bewerten als noch vor 10 oder 20 Jahren.

Am Vorabend des Krieges gab es zwei wesentliche litauische Strömungen, die eine politische Linie verfolgten. Obwohl die Rechten (Konservativen) und die Linken (Radikalen) am Anfang die Forderung nach Autonomie Litauens und später auch nach der Unabhängigkeit zuallererst auf das natürliche angeborene Recht des Volkes gründeten, verstanden beide Gruppen den Begriff der Nation unterschiedlich.  Die Rechten hofften allmählich das nationale sehr ethnisch verstandene Leben zu erneuern, da sie sahen, dass Russland sehr geneigt war, die ethnografische Spezifik hervorzuheben. Sie versuchten einer Konfrontation mit Russland auszuweichen, sprachen sich für Kompromisse aus sowie für eine Taktik des Nachgebens. Die Linke,hegte sozialistische Reformpläne, die darauf abzielten, die Nation (populi) zu modifizieren oder zu transformieren, hin zu einer Gesellschaft, die entschieden sei, in einem Staatsgebilde zu leben.            

Beide Strömungen spürten rasch, dass die juristische und politische Basis für eine derartige staatliche Vereinigung nicht ausreichend war und darum fanden sich in ihren Programmen auch Bezüge zu der historischen Tradition des litauischen Staates. Daraufhin charakterisierten beide Pole ihren gewünschten territorialen Raum im historisch-ethnografischen Sinn und aktualisierten die Bedeutung einer nationalen Konsolidierung.

Um einen derartigen litauischen Staat zu schaffen ohne eine Übereinkunft beider politischer Strömungen hergestellt zu haben, musste man einen modus vivendi mit den historischen jüdischen Gemeinden finden oder mit dem Netz der Stetl, das sich über ganz Litauen zog sowie mit den städtischen Juden (die ökonomisch daran interessiert waren, dass ein Litauen so groß wie möglich sei). Es bedurfte auch eines Kompromisses mit einem zweiten Netz der polnisch sprechenden Adligen, das sich seit alters her über Litauen zog, sowie mit den Polen der Städte und Kleinstädte, die sich mehrheitlich auf den wiederentstehenden polnischen Staat orientierten ohne Rücksicht darauf, ob es um die Grenzen von 1772 gehen würde oder um andere, aber mit Litauen als Bestandteil Polens. Die Weißrussen waren ebenfalls aktiv, aber wegen ihrer Zersplitterung besaßen sie kein großes Gewicht, obwohl man auf die Kontakte mit ihnen nicht verzichtete.

Die litauischen politischen Gruppen führten im Ersten Weltkrieg dramatische Kontroversen. In der Kriegszeit veränderten sie sich wenig, darum gab es keine Polen in der litauischen Taryba, in den ersten Regierungen in den Zentren der Zusammenarbeit und der Emigration (in den USA und in der Schweiz) Aber die ungeklärteste Frage, ob es gelingen könne, das alte Litauen zu übernehmen, das heißt das Lithuania Propriaoder Großlitauen (mit der Suwalkija, Sejny, Grodno, Białystok und Lyda), das Territorium, das im Sommer und Herbst 1915 von dem deutschen Heer besetzt worden war, das die Deutschen Verwaltungsgebiet OberOst nannten und nach dem Anschluss der Regionen Białystok und Grodno– Militärverwaltung Litauen. Noch zu Kriegszeit, im Oktober 1918 unterstrich Antanas Smetona bei der Beschreibung des Territoriums von Litauen: „Die Taryba übernimmt die Macht in dem gleichen Territorium, das jetzt von der deutschen Militärverwaltung verwaltet wird“.[1]Die Litauer waren auf den Begriff des ethnografischen Territoriums schon vorbereitet, was durch Petras Klimas erfolgt war, denn er hatte 1916 eine Studie der ethnografischen Grenzen Litauens in deutscher Sprache in Stuttgart herausgegeben[2]. Klimas stützte sich dabei auf ethnografische Kriterien, verengte das litauische Territorium bis zu einem „gesunden Kern“: Das waren große Teile der Gouvernements Kaunas, Vilnius und Suwalki, das Gouvernement Grodno bis zur Memellinie und die östlichen Territorien. Die fügte er mit der Begründung hinzu, dass sie früher heidnisch gewesen seien und zu der Zeit, als Jogaila und Vytautas Litauen taufen ließen, litauisch gewesen seien (in einigen sprach man schon Weißrussisch oder Polnisch, aber bezeichnete sich selbst als Litauer). Dieses Territorialkonzept der Litauer wurde 1920 in den Friedensverhandlungen mit dem bolschewistischen Russland verteidigt.

                  In diesem Territorium gaben die Deutschen dem Mehrheitsvolk, den Litauern, den Vorrang. Die Deutschen versuchten die Konsolidierung der anderen Nationen gegen die polnische Dominanz zu aktivieren. Daher vergrößerte sich nach den Direktiven des Generals von Hindenburg in den Jahren 1916–1917 die Anzahl der litauischen Schulen in der Militärverwaltung Litauen von 30% bis auf 50,8 %, während sich der Anteil der polnischen Schulen von 44% auf 22% verringerte. In dem Gebiet Suwalki-Vilnius vergrößerte sich die Anzahl der litauischen Schulen von 33% auf 59%, während sich die Anzahl der polnischen Schulen von 43, 5% auf 20,8 % verringerte.[3]Krieg und deutsche Besatzung beschleunigten die politischen Prozesse. Als das mangelnde Kriegsglück Deutschlands an den Kriegsfronten den Staat zwang, nach neuen Wegen zu suchen, um die besetzten Gebiete zu annektieren, wollte man den Willen der Einwohner sich an Deutschland anzuschließen, vorzeigen usw.. Als die Deutschen begannen, nach Möglichkeiten zu suchen um auch in Litauen eine Körperschaft zu schaffen, den sogenannten „Patikėtinių tarybą“ (Vertrauensrat), schrieb der Zeitzeuge Petras Klimas „Wir sehen selbst, wie wir durch die Anwesenheit der Deutschen hier politisch reifen. Unsere Vorstellungen werden immer klarer. Der Ruf nach Unabhängigkeit, die Durchsetzung, die „Orientierung“ in den Westen kristallisieren sich heraus/.../.“[4]

                  Die Konservativen, die das nationale Prinzip als Selbstbestimmungsrecht betrachteten, hielten es für die Grundlage der Staatsgründung Litauens während die Deutsche Reichsregierung diese als Grundlage ansah, Litauen anzuschließen. So verwundert es nicht, dass Berlin mit allen Mitteln versuchte, die Oberste Heeresleitung und die Heeresleitung OberOst davon zu überzeugen, den Wünschen der Litauer entgegenzukommen und sie eine Taryba wählen zu lassen und diese nicht einzusetzen.[5]

Deutschland, das sich auf separate Friedensverhandlungen mit Russland vorbereitete, benötigte eine litauische Erklärung, dass Litauen seine Unabhängigkeit erklären würde. Aber als die Konferenz der Litauer im Sommer 1917 vorbereitet und durchgeführt wurde, erfuhren die Litauer, dass sie ein Bündnis mit Deutschland deklarieren sollten. Es war klar, dass die litauischen politischen Ambitionen von der deutschen Verwaltung unterstützt wurden. Unter diesen Umständen bildete sich das litauische Streben nach der Gründung eines litauischen Staates in den litauischen ethnografischen Gebieten mit der Hauptstadt Vilnius heraus wobei die polnische Kultur entweder eliminiert oder streng untergeordnet werden würde. Wenn sich Russland und Deutschland an das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker halten würde und Litauen unterstützen würde, gäbe es damit internationale Garantien. So wurde eine litauische „Arbeitsdiplomatie“ geboren, die mit dem russischen und zu Kriegszeiten auch mit dem deutschen Faktor spekulierte, um den polnischen Einfluss in Litauen energisch zu negieren.[6]

Innerhalb des Organisationskomitees der Konferenz sorgte Petras Klimas gemeinsam mit Antanas Smetona dafür, dass der zukünftige Staat aus verschiedenen Gründen, die seine Entwicklung nicht gefährden sollten „in noch zu erörternde Beziehungen mit dem Deutschen Reich treten solle“ und wies darauf hin: „Man muss realistisch sein... Wir sind zu Kompromissen gezwungen, wenn wir wirklich die Frage eines litauischen Staates auf die Tagesordnung bringen wollen. Der [Friedens] Kongress könnte das lösen. Aber für diesen Kongress muss man schon die Idee von Litauen präsentieren...Nur die Deutschen können uns dabei helfen....Die Russen mit der ganzen Entente hat keine Frage nach uns gestellt und wird sie auch kaum stellen[7].

                  Zu der Konferenz der Litauer, die vom 18.–22. September 1917 in Vilnius stattfand, kamen gewählte Vertreter aus 33 litauischen Kreisen. Leider gab es unter ihnen keine einzige Frau.[8]Nach der langen Kritik am deutschen Besatzungsregime, die das Land ausgepowert hatte, kam es, wenn auch unter Schwierigkeiten zu folgenden einstimmigen Beschlüssen:

  1. Notwendigkeit der Schaffung eines „unabhängigen demokratisch gestalteten litauischen Staates in seinen ethnografischen Grenzen mit dringend notwendigen Korrekturen für das Wirtschaftsleben“.
    2. Vorgesehen sind kulturelle Rechte für nationale Minderheiten.
    3. Laut eines Beschlusses der Konferenz kann Litauen ein Bündnis mit Deutschland eingehen, wenn dieses „zustimmt noch vor der Friedenskonferenz den litauischen Staat zu proklamieren und auf der gleichen Konferenz Litauens Angelegenheiten zu unterstützen“.

Um diese Beschlüsse umzusetzen, wird eine Litauische Taryba bestehend aus 20 Politikern eingesetzt, die das litauische Volk repräsentieren, wobei 5–6 Plätze den nationalen Minderheiten eingeräumt werden. Ein Problem wird dann entstehen, wenn OberOst und Berlin die Taryba nur als beratend ansehen und ihnen keine administrativen Bereiche zugestehen.

                  In ihrer politheia(nicht juristisch fixierten Staatsform bzw. in anderem Charakter) konstruierten die Litauer Vilnius als Hauptstadt, in der die litauischen Aktivitäten ausgebaut wurden und wo die zentralen Aktivitäten der Kulturgesellschaften stattfanden. Weiterhin waren dort auch die Litauische Taryba, der erkämpfte litauische Bischof Jurgis Matulaitis (seit dem 9. Dezember 1917), das diskutierte Statut der Universität in Vilnius, das Anfang Dezember 1918 angenommen wurde. Die Polen konnten die statistisch gesehen polnische Stadt den Litauern nicht überlassen, nicht nur aus prinzipiellen Gründen, sondern auch emotional bedingt, obwohl sie den Litauern wichtiger war. Das Prinzip der Selbstbestimmung der Völker wurde immer populärer während der Etappe der prodeutschen Orientierung, nachdem die deutschen in­nenpolitischen Kräfte das deutsche Heer ermahnt hatten, in den besetzten Gebieten das Besatzungsregime zu lockern und ganz besonders nach dem Eintritt der USA in den Krieg gegen Deutschland (6. Juni 1917)[9].

In der Litauischen Taryba wurde beraten, ob Russland Litauen nicht etwas versprechen könnte, wie auch die Entente. Litauen war völlig abhängig von der Verwaltung von OberOst, die Staaten der Entente wussten noch wenig über Litauen. Nach der These von Antanas Smetona konnten die Litauer einzig von den Deutschen Hilfe für die litauischen Ziele erwarten. Die Führer derTaryba planten mit deutscher Hilfe zum Friedenskongress zu gelangen, mit ihrer Hilfe wollten sie die Verwaltungsgrenzen erhalten und hofften, dass es keine Beeinträchtigungen gebe, wenn die Litauer eine Armee und innenpolitische Institutionen aufstellen würden.[10] 

Am 11. Dezember 1917 nahm die Litauische Taryba eine Resolution an, die Berlin gefordert hatte und die viele Skandale hervorrief: Der wiederentstehende litauische Staat mit der Hauptstadt Vilnius sollte alle staatlichen Verbindungen abbrechen, die er bereits hatte und im zweiten Absatz der Erklärung wurde Deutschland um Schutz und Hilfe ersucht [folgende Heraushebungen durch den Autor] zum Ziel „seine Interessen in den Friedensverhandlungen zu verteidigen". Die Resolution sprach sich „für einen ewigen festen Verbund des litauischen Staates mit dem deutschen Staat; dieser Verbund sollte durch militärische und infrastrukturelle Konventionen realisiert werden auf der Basis eines gemeinsamen Münz- und Zollsystems“.[11]Laut Smetona war das„[...] Notwendigkeit. Die Konventionen sind für Litauen notwendig, denn es ist winzig unter den Riesen“[12]. (Aus diesem Grund war Smetona lange gegen die Unabhängigkeitsresolution der Taryba vom 16. Februar 1918.) Dieser einstimmig angenommene Beschluss zur Unabhängigkeit von allen Staaten war ein selbständiges Dokument, das die grundlegenden politischen Ziele der Litauer ausdrückte, weswegen es zum Symbol der nationalen Freiheit, seiner Souveränität und seiner Einigung wurde, als Anfang der Wiederbegründung des Staates. Das verstanden auch die Deutschen und ermahnten die Litauer hartnäckig auf die Formel des Beschlusses vom 11. Dezember zurückzukehren. Die Litauer ließen sich darauf ein und am 23. März 1918 erfolgte die Anerkennung Deutschlands, weitere Anerkennungen erfolgten nicht von Deutschland und später wurden auch die vier Konventionen vergessen, die gemäß der Resolution vom 11. Dezember entstehen sollten.

Smetona erklärte seine Position auf der Konferenz der Litauer, die vom 5.–16. September 1918 in Lausanne stattfand, damit, dass Litauens Existenz ohne die vier Konventionen, nachdem die Deutschen Litauen verlassen hätten, in eine solche Lage geriete, , dass „/.../entweder die Bolschewiken oder die Polen kommen und wirtschaften [...]“[13]. Für Smetona war offensichtlich, dass Litauen alleine keine Kräfte besäße, um Widerstand zu leisten, weswegen es Kompromisse eingehen müsse.

Noch mehr. Die Frage der vier Konventionen war verknüpft mit der Einführung einer konstitutionellen Monarchie in Litauen. Die Idee für eine Monarchie dominierte in der zwanzigköpfigen Taryba schon Ende 1917 und sie wurde durch das katholische Zentrum im Reichstag (dank Matthias Erzberger) gestärkt, wobei besonders Pläne popularisiert wurden Litauen in Personalunion mit Preußen oder Sachsen zu verbinden. Am 11. Juli 1918 wählte die Litauische Taryba den Baden-Württembergischen Fürst Wilhelm von Urach zum König. In dem Entwurf der Verfassung der litauischen Monarchie hieß es, dass Litauen „[...]mit dem Deutschen Reich einen Vertrag auf militärischem, monetärem, infrastrukturellen und zollpolitischem Gebiet eingehen wird.“[14]Und die Konstitution nach zehn Jahren überarbeitet werden müsse. Im Art. 107 hieß es: „Mit Zustimmung der Vertreter der Nation können Reichsdeutsche bis zum 1. Januar 1930 darin staatliche Regierungsposten mit Ausnahme von Ministerposten.“[15]Dieser Abschied aus dem deutschen Orbit und seinen Einflüssen war für einen längeren Zeitpunkt vorgesehen und das Festhalten an den vier Konventionen bezeugte, dass die Autoren  des Dokuments sogar im Sommer 1918 nicht daran dachten, dass Deutschland kapitulieren würde (So schrieb Petras Klimas „Die Kriegssiege sind noch nicht sicher  [16], das Gleiche wiederholten auch andere Zeitgenossen.[17]Übrigens erkannte Berlin die Wahl Wilhelm von Urachs zum König nicht an.  

Ein Teil der Konservativen meinte, dass eine Monarchie auch bessere Beziehungen der Taryba mit der Mehrheit der Adligen – den Polen garantieren könne. Smetona war gegen die Nationalisierung des Gutsbesitzes und Landvergabe an die Bauern. Sogar als Fragen der Zusammensetzung der litauischen Regierung und der provisorischen Verfassung am 29. Oktober 1918 in der Litauischen Taryba diskutiert wurden, verteidigte Antanas Smetona noch die Monarchie und behauptete, dass man „mit dem gewählten Urach weiter rechnen muss – es war ein ernhaft überlegter Schritt“, [18]„Bei der Beschlussfassung dachten wir nicht nur an konjunkturelle Motive [...]. Darum hat dieser Beschluss viel größere Bedeutung als angenommen.“[19]So zerschlug sich der Plan einer litauischen konstitutionellen Monarchie faktisch nur durch die deutsche Kapitulation. Die litauischen Radikalen sahen in dem Plan der Monarchie nur  die Erweiterung Deutschlands um Litauen wie auch die Gefahr der Annexion von Kurland.

Im Oktober gestattete der neue Reichskanzler Max von Baden die Regierungsbildung in Litauen. Die Orientierung der ersten litauischen Regierung, die sich von Deutschland zur Entente hinwandte konnte zu der Lösung von Problemen beitragen, es entstand die Idee, einen litauisch-polnischen Staatenverbund als Pufferstaat gegen die Bolschewiki zu schaffen. Die Revolutionen fegten die Monarchien der europäischen Großstaaten hinweg. Als Litauen angesichts der Gefahr einer bolschewistischen Invasion und der Bolschewisierung im Januar 1919 und sogar im August stand, wurde auf der Sitzung der radikalen Regierung unter Mykolas Sleževičius die Möglichkeit erwogen, in einer englisches Protektorat überzugehen (wofür 7 von 11 Ministern stimmten). Dennoch konnte Sleževičius bei seinen Berlinbesuchen am 25. Januar und 11. Februar 1919 den deutschen Faktor nicht ignorieren und so stimmte er zu, die noch in Litauen befindlichen deutschen Einheiten zu verpflegen und zu versorgen sowie ihnen Zuschläge zu zahlen, denn diese deutschen Einheiten (besonders die vier sächsischen Freiwilligenbataillone) verteidigten Litauen gegen eine bolschewistische Invasion. Es galt die Zollstationen zu übernehmen, Betriebe, die Verwaltung und weitere Fragen zu regeln. Die Deutschen forderten eine öffentliche Erklärung, dass Litauen keinen Anspruch auf Ostpreußen erheben würde.

Die Absicht der Litauer einen demokratischen Staat zu gründen, war offensichtlich, genau wie die Absicht eine demokratische Gesellschaft zu schaffen. Gute Beziehungen sollten mit den nationalen Mindergeiten der Weißrussen und der Juden entstehen, in den ersten Regierungen gab es jüdische und weißrussische Minister ohne Ressort. Die litauischen Polen arbeiten den Litauern nicht zu und engagierten sich später auch nicht für die LitauischeTaryba, vor allem weil die Litauer sie nicht gleichberechtigt behandelten, sondern sie als nationale Minderheit deklarierten. Verständlich, dass sich die Polen und der polnische Staat gleichfalls so benahmen, sodass gemeinsame Projekte eingefroren wurden.[20]Der Wunsch Polens und der Wilnaer Polen in den litauischen und weißrussischen Gebieten (mit der litauischen Hauptstadt Vilnius) zu herrschen, störte die Wiederherstellung des litauischen Staates und brachte die Litauer dazu, ihre kulturellen Interessen und Bedürfnisse im engeren Sinne zu verteidigen, wodurch zweifellos der Nationalismus befördert wurde.[21]Das war zweifellos verteidigender existenzieller Nationalismus.

In dem Gesetz für die Wahlen in den Gründungssejmas waren auch Wahlbezirke in Ostlitauen und im Memelland vorgesehen. Es folgte ein weiterer juristischer Schritt Litauens – am 24. Januar 1920 legte die oberste Wahlkommission für den Gründungssejmas die Zahl der zu wählenden Vertreter fest und schnitt die Wahlbezirke zu. Innerhalb Litauens waren sechs Wahlbezirke vorgesehen, in denen insgesamt 112 Mitglieder des Gründungssejmas gewählt werden sollten und in denen von Polen verwalteten Gebieten  – 108 Mitglieder (im Wahlkreis Vilnius  – 30, im Wahlkreis Lyda – 29, im Wahlkreis Białystok  – 27 und im Wahlkreis Grodno – 22); als Vertreter Kleinlitauens sollten 9 Personen gewählt werden, deren Wahl faktisch nur im Memelland erfolgen sollte.[22]

Obwohl die Entente zögerte, Litauen anzuerkennen, da sie immer noch auf die Bewahrung eines einigen Russlands hoffte, und später auf eine Union zwischen Litauen und Polen, um einen Pufferstaat gegen den Bolschewismus zu haben, hielt Litauen durch. Es wurde der wichtigste Sieg in der Geshcichte des 20. Jahrhunderts erreicht – die Wiederbegründung des unabhängigen Litauens. Die Wiederherstellung war schwierig. Erst am 22. September 1921 wurde Litauen in den Völkerbund aufgenommen, erst am 20. Dezember 1922 wurde der Staat de jurevon der Entente anerkannt. Nach der Anerkennung aktivierte Litauen seine ökonomischen Schritte und seine diplomatischen Bemühungen um den Anschluss von Klaipėda, umso mehr, da dieses Gebiet durch den Versailler Vertrag von Deutschland abgetrennt worden war. Aber das war schon eine weitere Etappe.

Ich beende mein Thema mit einen historischen Paradox, (wie immer in der Geschichte) der verblüffenden Ähnlichkeiten. Der Beschluss vom 11. Dezember 1917 über die ewigen Beziehungen zu Deutschland bereitete den litauischen Radikalen und Liberalen damals wahrhafte Kopfschmerzen. Das endete, als Litauen am 1. Januar 2015 Mitglied der Eurozone wurde. Also befinden wir uns in der gleichen Situation, in der  Litauen und Deutschland Mitglied der EU und der NATO sind, wo sie ein Verteidigungsvertrag (wenn auch mit unterschiedlichen Armeen) verbindet, ein einheitliches Transportsystem mit je nationalen Verwaltungen, ein gemeinsames Zoll und Geldsystem, wie man es 1917 mit den vier Konventionen geplant hatte. Natürlich kann man diese Vereinigungen nicht mit der deutschen Machtpolitik zu Zeiten der Besatzung vergleichen und der schwierigen Wiederherstellung des litauischen Staates und es ist schade, dass ein so langer Zeitraum voller Verluste, furchtbarer Kriegshandlungen und Einbußen von Menschenleben vergehen musste, bis wir uns freiwillig einigen konnten, ohne Machtpolitik friedlich und in Eintracht zusammenzuleben und zu arbeiten.

Die nationalen Bewegungen in Mittel-und Osteuropa kämpften für ihre nationalen Rechte und Sprachen. Die Mehrheit von ihnen stützte sich während des Ersten Weltkrieges auf das populäre und von allen kriegsführenden Staaten unterstützte Selbstbestimmungsrecht der Völker, von dem Wunsch nach Autonomie bewegte man sich auf den Weg, um die unabhängigen Staaten zu erkämpfen. Die Großmächte wollten wirklich keine vielen kleinen neuen Staaten  – sogar die USA träumte über die Wiederherstellung Russlands nach einem Sturz der bolschewistischen Macht und gestand nach Woodrow Wilsons „14-Punkte-Plan“ nur Polen und Finnland das Recht auf Unabhängigkeit zu.

Die Kriegsverluste, die inneren Revolutionen und der Sturz der drei Monarchien schufen günstige Bedingungen für das Entstehen neuer Staaten, die als Nationalstaaten auf der Basis eines ethnischen Nationalismus entstanden. Wie wurde Europa dadurch verändert? Warum waren die großen Staaten häufig über die Entstehung der vielen kleinen Staaten nicht glücklich?

Nimmt man bei den Auswirkungen auf Osteuropa wahr, dass im Interesse der großen Staaten Griechenland, Bulgarien, die Balkanstaaten und Norwegen entstanden?

Es scheint, dass die aussichtsreichste historische Alternative Litauens war, das Großfürstentum Litauen wiederherzustellen und die Union mit Polen zu erneuern, insbesondere angesichts der Bedrohung durch die russischen Bolschewiki. Warum geschah das Ihrer Meinung nach nicht, sondern mündete in einen lang anhaltenden Konflikt?

Es gab Verfechter einer Idee einen Staat der verwandten baltischen Nationen Litauens und Lettlands zu schaffen, der sogar aus wirtschaftlichen Gründen logisch gewesen wäre (lettische Häfen, Industrie, litauische Landwirtschaft). Aber diese Idee wurde nicht realisiert? Nur aus politischen Ambitionen heraus?

Aus dem Litauischen von Ruth Leiserowitz