1918: Ende und Anfang. Depression, Pathos und Pragmatismus im deutschen Bildungsbürgertum 

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2019-03-17

Dorothee Wierling

1918: Ende und Anfang. Depression, Pathos und Pragmatismus im deutschen

Bildungsbürgertum 

Im Gedenkjahr 2014 ließen sich die europäischen Gesellschaften, vor Allem im Westen des Kontinents, noch einmal in einen Strudel der Kriegsbegeisterung ziehen: allerdings im Modus des Gedenkens, das sich sowohl auf die Frage der Kriegsschuld bezog, als auch auf die Gewalt und die Opfer, vor Allem aber auf das uns Heutigen so fremde Glücksgefühl, welches damals vor allem das westeuropäische Bürgertum erfasste. Man hatte sich 1914 dem plötzlich ausbrechenden, kollektiven Rausch hingegeben, endlich die gesellschaftliche Zersplitterung der Moderne, die oberflächlichen Errungenschaften von Technik und Konsum, den feinsinnigen Intellektualismus bürgerlicher Bildung hinter sich lassen zu können, um sich mit der ganzen Person, ja, dem eigenen Leben dem Ganzen der nationalen Gemeinschaft, dem Hass auf den Feind und dem Opfermut auf dem Schlachtfeld hinzugeben. Es ging um ursprüngliche Natur versus nervöse Überspanntheit, um Gefühl versus Intellekt, organische Gemeinschaft versus ausgehandelte Gesellschaft, um Volk gegen Individuum, offenen Feindeshass versus falsche Völkerfreundschaft, und in diesem Spiel der Gegensätze sah man das Gute, Tiefe und Echte nur bei sich selbst, sein Gegenteil beim „Feind“.

Träger dieses Rausches war insbesondere das Bildungsbürgertum. Dem kollektiven Gefühlsausbruch des „Augusterlebnisses“ folgte die philosophische Untermauerung, die dem Krieg im „Geist von 1914“ den geistigen philosophischen Grund und erhabenen Charakter verschaffen sollte. Während diese Welle alle europäischen Nationen erfasste, erscheint sie im deutschen Kaiserreich besonders ausgeprägt, und Deutschland wird heute auch im Zentrum meines Vortrags stehen.

Im Gedenkjahr 2018 stehen andere Themen im Vordergrund: das ganze Ausmaß der Gewalterfahrung durch das maschinelle Töten, die persönlichen Leiden und Verluste von Überlebenden und Hinterbliebenen, der kontroverse Versailler Friedensschluss, die Nationenbildungen und Revolutionen, die langfristigen Folgen in den Jahren, die später „Zwischenkriegszeit“ genannt wurden. Vom „Augusterlebnis“ war 1918 nicht mehr die Rede, lange vorbei war der kurze Rausch, dem die lange Ernüchterung folgte. Ich möchte heute aber danach fragen, wie dieselben Menschen, die im August 1914 den Beginn eines erhabenen Menschheitserlebnisses sahen, im November 1918 versuchten, mit ihrer Selbsttäuschung, ihren Verlusten und ihrer Niederlage umzugehen. Das soll beispielhaft an drei Personen aus dem Bürgertum geschehen, die für verschiedene Formen des Umgangs mit dem Kriegsende stehen. Mich interessieren die ganz persönlichen Bewältigungsversuche in ihrem Bezug zur früheren Haltung zum und den Erfahrungen im Krieg. Anders als im August 1914 fehlt im November 1918 die emotionale Verbundenheit, die das gemeinsame Erleben von Tragik schaffen könnte. Jeder für sich allein, so scheint es, sucht in der Bewältigung des vergangenen Verlustes zugleich einen neuen Anfang. Nicht Jeder findet ihn. Ich möchte über drei Personen sprechen, die ich im Laufe meiner Forschungen näher kennengelernt habe und die ich Ihnen eingangs kurz vorstellen möchte. Der erste meiner Protagonisten ist Dr. Heinrich Braun, ein aus Österreich stammender Publizist jüdischer Herkunft. 1854 geboren, ist er bei Kriegsausbruch 60 Jahre alt. Seine neun Jahre jüngere Frau, die sozialdemokratische Frauenrechtlerin Lily Braun, engagiert sich, im Gegensatz zu ihm, begeistert für den Krieg. Sie stirbt 1916 an einem Schlaganfall. Der gemeinsame Sohn Otto, der sich 1914 im Alter von 17 Jahren freiwillig meldet, fällt im April 1918 an der Somme.

Bei der zweiten Person handelt es sich um Julie Vogelstein, eine aus gelehrtem und reichem, jüdischem Haus stammende Kunsthistorikerin, die die Brauns 1914 kennenlernt, bald zur engen Freundin der Familie wird und sogar bei den Brauns einzieht. Ihr Bezug zum Krieg ist allein durch die Liebe zur Familie Braun vermittelt, deren Glück sie wünscht und so weit es geht fördert. Nach dem Tod Lily Brauns bleibt Julie Vogelstein bei Heinrich Braun und heiratet ihn nach dem Krieg.

Der dritte Protagonist ist Thomas Mann, ein, wenn auch jüngerer Zeitgenosse der Brauns, die ihn allerdings nie kennengelernt oder in ihrer Korrespondenz erwähnt haben. Bei Kriegsausbruch ist er schon ein erfolgreicher, bekannter und wohlhabender Schriftsteller, lebt mit Frau und Kindern in einer Münchner Villa und bleibt äußerlich vom Krieg weitgehend unberührt, während er sich zugleich als öffentlicher Intellektueller einreiht in die Gruppe derjenigen Bildungseliten, die den Krieg nicht nur begeistert unterstützen, sondern auch philosophisch begründen und rechtfertigen. 

 

Heinrich Braun waren Militär und Krieg eine fremde Welt. Anders als seine Frau, deren Vater preußischer General gewesen war, versuchte er, seinem Sohn die Meldung zum Freiwilligen auszureden. Als ihm dies nicht gelang, begann er, den Krieg als eine Bewährungssituation für den Jungen zu deuten, eine Erfahrung, die ihm nach dem Sieg als Grundlage für die politische Karriere dienen würde, die ihm, Heinrich,  selbst versagt geblieben war.  Kurz vor Kriegsausbruch hatte er dem innig geliebten 17-Jährigen bekannt: „Die einzige Hoffnung, auf die ich noch fest vertraue ... ist die auf Dich. Dir soll das Leben halten, was es mir versagt hat. Enttäusche mich nicht! Erfülle Dich, wie Du jetzt bist, immer mit großen Gefühlen und hohem Streben. Bleib Dir selber treu und lass den Helden in Deiner Brust nicht sterben...“ Das musste nun unter den Bedingungen des Krieges verwirklicht werden, den der sozialdemokratische Vater gleichzeitig als einen Testlauf für einen sozialistischen Staat ansah. Denn die staatlich kontrollierte Kriegswirtschaft ähnelte den sozialistischen Vorstellungen einer am Gemeinwohl orientierten Politik. Neben der ständigen Angst um seinen Sohn beschäftigten Heinrich Braun deshalb während des Krieges vor allem die theoretischen Grundlagen des Staatssozialismus, als dessen zukünftigen Führer er seinen Sohn Otto sah.

Wieder gegen seinen Willen meldete sich Otto Anfang 2018, nach einjährigem Aufenthalt in Berlin, zurück bei seinem Regiment, das auf dem Weg an die Westfront war. Dort wurde er am 29. April von einer Granate tödlich getroffen, gerade 21 Jahre alt. Noch am selben Abend erhielt Heinrich Braun ein Telegramm mit der Nachricht von Ottos Tod. Julie Vogelstein, die ihm das Telegramm überreichte, schrieb darüber ihn ihrer: „Er fragt mit keinem Wort, mit keinem Blick, er klagt, er stöhnt mit keinem Laut, bliebt stier und stumm. Seine Finger umkrallen das Telegramm, seine Augen bohren sich in die Buchstaben und lesen sich blind.“ Sein erster Wunsch war es, den toten Sohn nach Hause zu holen. Er stellte Anfang Mai einen entsprechenden Antrag, erhielt für sich und Julie Vogelstein Passierscheine, aber die Reise war nicht erfolgreich. Heinrich erkrankte auf der Fahrt durch Frankreich und musste sie in Cambrai unterbrechen. Als sie später als geplant bei der Gräberverwaltung in Valenciennes eintrafen, um den sogenannten Leichenpass zu erhalten, war inzwischen die Gültigkeit der eigenen Passierscheine erloschen und sie mussten unverrichteter Dinge zurück nach Berlin kehren. Heinrich plante, die Reise im September noch einmal zu unternehmen. Dazu kam es anscheinend nicht. Der trauernde Vater verfiel in eine tiefe Depression und zog sich in das bayrische Sanatorium zurück, in dem er vor zwei Jahren die Nachricht vom Schlaganfall seiner Frau Lily erhalten hatte. Er blieb allein, er schwieg, er verweigerte sich den Hilfsangeboten seiner Freundin, die ihn innerlich nicht erreichen konnte, auch nicht, als im November der Krieg zu Ende ging und in Berlin eine Revolution ausbrach, unter aktiver Beteiligung der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands, dessen prominentes Mitglied Heinrich Braun noch immer war. Zwar konnte Julie Vogelstein ihn überreden, der SPD seine Unterstützung anzubieten, doch die wurde nicht angenommen. Zu sehr hatte Braun sich mit allen dort angelegt, nicht nur durch seine zahlreichen Versuche, mit dem liberalen Bürgertum zusammenzuarbeiten, sondern auch durch seine Neigung, sachliche Konflikte persönlich zu nehmen und vor Gericht zu „lösen“. Aber jetzt war Heinrich Braun kein Kämpfer mehr. Seine Lebensentscheidungen hatte er ja seit Jahren nur noch im Hinblick auf seinen Sohn getroffen, dessen Glück und Erfolg er vorbereiten wollte. Mit dessen Tod hatte er nicht nur einen geliebten Menschen verloren, sondern zugleich seinen eigenen Lebenssinn, der ja darin bestanden hatte, in seinem Sohn und durch ihn weiterzuleben und seine Träume zu erfüllen.

Seine einzige Obsession blieb es, zumindest den toten Sohn nach Hause zu holen. Zwar sind der Zeitpunkt und die Einzelheiten nicht mehr zu rekonstruieren, aber im Nachlass finden sich zwischen den Briefen des Jahres 1918 eine Reihe von Fotografien, die anscheinend schon bei der ersten Umbettung gemacht wurden. Einige zeigen einen einfachen, groben Holzsarg auf einem von der Schlacht noch verwüsteten Feld, das vollständig mit kleinen roh gesägten Holzkreuzen übersät ist. Auf einem anderen, offensichtlich später aufgenommenen Bild ist ein geschnitztes Holzkreuz mit Ottos Namen und militärischen Rang sowie ein mit einfachen Sommerblumen bepflanztes Einzelgrab zu sehen.

Der Vertrag von Versailles bestimmte im Artikel 225, nationale „Wünsche wegen Überführung der irdischen Reste ihrer Heeres- und Marineangehörigen in die Heimat, vorbehaltlich der Bestimmungen ihrer Landesgesetze und der Gebote der öffentlichen Gesundheitspflege, gegenseitig nach Möglichkeit zu erfüllen.“ Welche bürokratischen Hürden dabei zu überwinden waren, kann nur vermutet werden. Jedenfalls wurde erst viel später im Garten der Braun’schen Villa am südlichen Stadtrand von Berlin ein Doppelgrab für die Urnen von Lily und Otto Braun erstellt. Der Grabstein wurde – laut Werkverzeichnis – 1926 von Hugo Lederer gestaltet und zeigt im Relief Mutter und Sohn als klassisch-griechische Figuren vor dem Eingang eines Tempels. Die Mutter scheint den jungen Krieger und Sohn willkommen zu heißen, oder, wie Heinrich es im Brief an Julie im Juni 1918 formulierte, „sie mit ausgebreiteten Armen ihn erwartend, und er mit großem festen Schritt auf sie zuschreitend.“ Zwischen dem von Julie Vogelstein gefertigten Entwurf dieses Bildes und seiner Durchführung durch den Bildhauer lagen also acht Jahre. Heinrichs Begeisterung für die Skizze des zukünftigen Grabs ist eine der wenigen freudigen Äußerungen aus der Nachkriegszeit. Es entsprach seiner Deutung, das Sohn und Mutter im Tod vereint, und in gewisser Weise von ihm selbst befreit waren. Der Sohn hatte ihm immer als Lilys Geschenk gegolten, das er nun verloren hatte, das aber nun an sie zurückgegangen war. Er war der Überzeugung, Lily nicht gerecht geworden zu sein, sie in gewisser Weise betrogen zu haben; nicht im trivialen Sinn seiner Liebe zu Julie Vogelstein, sondern weil er ihr „so vieles, wenn nicht alles schuldig geblieben“ sei, wie er im Sommer 1918 an Julie schrieb. Dieses Gefühl, der Toten alles schuldig geblieben zu sein, übertrug er auch auf seinen Sohn Otto, als Julie ihm einige von dessen Tagebüchern schickte, damit er wie sie seine Gegenwart spüre. Aber Heinrichs depressive Verfassung ließ ihn die Lektüre ausschließlich negativ erleben. Er glaubte, „trotz aller Zärtlichkeit und ehrfürchtiger Bewunderung dem unglaublichen Kind blind gegenübergestanden“ zu haben, und wie mit Lily gehe es ihm auch mit Otto, dass er erst jetzt erkenne, „mit welchen Menschen unerhörte Schicksalsgnade mich vereinigte...“ Ihn quälte der Gedanke, dass es zu spät war, die geliebten Toten das noch wissen zu lassen, aber ihn tröstete, dass die Beiden, die zueinander gehörten, sich nun im Grabbild freudig begrüßten.   

Heinrich Braun war keineswegs religiös, wohl aber offen für das Übersinnliche und er bekannte sich zu einer Art pantheistischem Schicksalsglauben. 1927 starb er, 73-jährig, an einer Grippe, ein Jahr nach der endgültigen Heimholung des Sohnes und dessen symbolischer Vereinigung mit der Mutter – der einzigen Aufgabe, die ihm noch geblieben war. Sein Leben hatte sich insofern erledigt, als der Krieg im alles genommen hatte, was er zum Weiterleben brauchte: insbesondere die Selbstverwirklichung durch den Sohn, den er schon vor dem Krieg beauftragt hatte, sein Leben stellvertretend für ihn selbst zur Erfüllung zu bringen. Jetzt gab es, trotz seiner Liebe zu Julie Vogelstein und ihrer Liebe zu ihm, keine Hoffnung mehr.

Auch Julie Vogelstein hatte dem Krieg eigentlich fremd gegenübergestanden. Ihre Welt waren die griechische und die Weimarer Klassik, in die sie sich angesichts der realen Geschichte des Weltkrieges innerlich zurückzog. Von dieser zeitlosen Welt der Klassik aus deutete sie das Geschehen von Haß, Gewalt und Tod im Sinne einer griechischen Tragödie. Ihre ganze Liebe und Sorge galt ihrer neuen Familie, ihrer Liebe zu Heinrich Braun, ihrer tiefen Freundschaft mit dessen Frau Lily, und ihrer hingebenden Bewunderung für den Sohn Otto. Jedem schrieb sie eine Rolle in dieser Tragödie zu: Lily erschien als eine griechische Göttin die über das Chaos herrschte; Heinrich als der väterlicher Gott, der dem jungen Kämpfer (Otto) die „Sonnenspeere“ und „Lichtwaffen“ übergab, mit denen dieser in den Krieg ziehen konnte; und schließlich Otto selbst, der schöne und tapfere Held, der in diesem Kampf siegen würde. Unbeirrt deutete sie den Tod von Ottos Freunden als letztlich weisen Plan der „Götter“. Erst als Otto selbst fiel, verstummte sie – aber nicht lange. Ihre Sorge galt dem Geliebten Heinrich, den sie aus der Depression, in die er versank, herausholen wollte. Ihre Strategie war es, Otto als Phantom weiterleben zu lassen. Er erschien ihr regelmäßig im Traum, zumindest erzählte sie Heinrich von diesen nächtlichen Besuchen und seinen Botschaften aus dem Jenseits. Dazu gehörte auch das Bild, welches die Grundlage für den späteren Grabstein schuf. Heinrich, der schon immer an Übersinnliches geglaubt hatte und regelmäßig eine Wahrsagerin zu Rate zog, war für die Ernsthaftigkeit dieser Botschaften überaus empfänglich, wenn sie ihn auch nicht aus seiner Depression zu retten vermochten.

Julies wichtigstes Projekt aber war die Herausgabe eines Buches, in dem Otto Brauns jugendlicher Nachlass in ausgewählten Texten von seiner aussergewöhnlichen Persönlichkeit Zeugnis ablegen sollte. Während sie Ottos Papiere sichtete und die  auszuwählenden Texte mit blauen und roten Sternchen markierte, schrieb sie an Heinrich: „Wer so am Tag und in der Nacht mit Otto lebt wie ich, dem erwächst die Sehnsucht und das Leid zu unermeßlicher Stärke ... Ottos Gestalt, sein Dasein, seine Form, sein Bild ..., Frucht und Blüte zugleich, Herrlichkeit, gottgewordene Menschlichkeit“ – noch könne Heinrich ihn nicht so sehen, denn „Du hofftest auf ihn als großen Mann der Tat... Das hat sein Tod vernichtet. ... Ich aber erkenne ihn ihm den Mann des Seins.“ Otto sei „ein Mensch wie Gott sich ihn erträumt und wie er ihm nur dies eine Mal geglückt“ sei.

1919 erschien das Buch: „Otto Braun. Aus nachgelassenen Schriften eines Frühvollendeten“. Das Buch aus seinem jugendlichen Nachlass zusammenzustellen, bedeutete für sie, wie sie einleitend schrieb, „das Erlebnis des unwandelbaren Seins, ... das sich schon im Knaben zu eigenstem Gebilde formt: bei reichster Entwicklung unverbrüchliche innere Einheit.“ Durch ihre sorgfältige Auswahl schuf sie ein Bild von Otto, wie Heinrich es sich erträumte, wie sie selbst ihn sich wünschte und vor allem wie sie glaubte, das er selbst posthum zu dem werden wollte, was er für sich erstrebt hatte: ein griechischer Held und künftiger Führer. Wenn sie eingangs auch behauptete, „Keine der Aufzeichnungen (sei) jemals für eine Veröffentlichung bestimmt gewesen“, so war das nur die halbe Wahrheit. Schon der pubertierende Junge sah sich als Dichter und zukünftigen geistigen Führer; und mit Ausbruch des Krieges glaubte er, wie die meisten bürgerlichen Freiwilligen, in einer Großen Zeit zu leben, von der er – ein    künstlerisch wertvolles – Zeugnis  ablegen wollte. Vieles von dem, was er schrieb, war allerdings tatsächlich nicht zur Veröffentlichung vorgesehen, manches war zu privat, dokumentierte sein Scheitern, bezeugte, dass er eben auch ein ganz normaler Junge war, der gelegentlich grobe sexuelle Phantasien, kindliche Wut, unreife Selbstüberschätzung und peinliche Meinungen in seinem Tagebuch oder in  seinen Briefen aufgeschrieben hatte; und selbstkritisch war er vor Allem in Bezug auf seine Gedichte. Die, vermutlich ganz im Sinne Ottos von Julie Vogelstein vorgenommene Textauswahldiente der Konstruktion eines höchst einseitigen Bildes von Otto: dem eines jungen Mannes, dem es gelungen war, seine Leidenschaften nach dem zeitlosen Gesetz der griechischen Klassik zu beherrschen und zu formen. Im Vordergrund standen nicht nur seine Bildungserlebnisse, sondern seine Moral und Willenskraft, diese Gesetze zu verstehen und anzuwenden, besonders auf sich selbst. Der Krieg stand dazu nicht im Gegensatz, sondern stellte eine besondere Prüfung dar, die Otto aber in vollem Umfang bestanden hatte – das sollte das Buch über Otto beweisen. In diesem Vorhaben wurde Julie Vogelstein von Ottos bürgerlichen Kriegskameraden aus vollem Herzen unterstützt. So schrieb einer von ihnen im August 1919, wie Otto im Februar 1919 im Niemandsland zwischen den Gräbern den Befehl erhielt, mit einer Gruppe von „8-12 Mann“ die dort seit Monaten herumliegenden Leichen von acht Offizieren und ca. 30 Soldaten zu bergen bzw. zu beerdigen, wobei man auch „über Hunderte von Russenleibern“ gestolpert“ sei. Als die Gruppe sich immer lauter über diese schreckliche Aufgabe beklagte, sei Otto zornig geworden und habe gerufen: „Wenn unser Geist die Verwesung nicht meistert, so meistert sie unseren Geist!“ Dann habe er laut aus der Ilias deklamiert. „Von der Ilias kam Otto auf Hölderlin, es war, glaube ich, eine Ode an Griechenland. Ein langes Gedicht. ...  Und Otto riß so die Stimmung an sich und machte sie so stark und groß, daß man das Warum vergaß und ahnte, alles hat seinen tiefen, großen Sinn.“ Daraufhin hätten alle ihre Arbeit getan „und hatten nur milde Gedanken.“ Julie Vogelstein veränderte den – hier nur in Auszügen wiedergegebenen – Bericht in bezeichnender Weise. Einmal ließ sie alle Stellen weg, in denen Otto seine Kameraden beschimpft hatte, z. B. als „Waschlappen“, die selbst schon innerlich  verwest seien. Auch verschwieg sie, dass Otto, wie sie aus seinem damaligen Brief über das Ereignis wusste, hier vor allem eine Vorstellung für einen Vorgesetzten gab, von dem er zuvor gekränkt worden war. Und schließlich verstärkte sie den – falschen – Eindruck, dass Otto an einer aktiven Front operierte, während er in Wahrheit auf einem lange verlassenen Schlachtfeld in sicherer Entfernung vom „Feind“ eingesetzt war. Sie ließ alles aus, was auf Otto als trotzigen, unsicheren, hochtrabenden und eitlen 17-Jährigen verwies. Sie druckte die Geschichte vermutlich deshalb nur in einer Fußnote ab, weil Otto selbst sie weder in seinem Tagebuch noch in seinen Briefen an die Eltern  erzählte, sondern nur kurz auf „die vielen unbeerdigten Toten“ verwies, welche die noch nicht im Kampf eingesetzten Kadetten anlässlich eines Ausflugs an die ehemalige Front  gezeigt bekamen. Hatte die Szene überhaupt stattgefunden? Und wenn ja, geschah dies in der auffällig performativen Form, die der, Otto betrauernde Kamerad beschrieb? Es ist nicht auszuschließen, dass Ottos Freund die Szene erfunden, oder zu einer eindrucksvolleren Geschichte gestaltet hatte, was ja ganz im Sinne Julie Vogelsteins war. Diese Fragen aber stellten sich 1919 gar nicht – jetzt ging es um den tieferen, den klassischen und mithin überzeitlichen Sinn, den Ottos Tod und der Krieg überhaupt erhalten sollte: als ein erhabenes Ereignis, das übermenschliche Helden hervorgebracht hatte.

Julie Vogelsteins Buch über Otto und den Krieg war außerordentlich erfolgreich. Die darin enthaltene Deutung wurde zum Kernelement der Erinnerungskultur an Otto Braun, in den 1920er Jahren, als seine ehemaligen Freunde und Kameraden sich zu Gedenkveranstaltungen mit eigenem Kulturprogramm trafen. Das Buch der „Nachgelassene(n) Schriften eines Frühvollendeten“ erlebte bis 1931 mehrere Auflagen mit insgesamt 100.000 Exemplaren. Das verweist auf ein gesellschaftliches Interesse, das weit über Otto Braun hinausging. Der Verlust des Krieges, die kränkenden Bestimmungen des Versailler Vertrags von 1919 und die verheerenden ökonomischen und dann auch politischen Folgen von Krieg und Frieden stellten besondere Herausforderungen an die deutsche Nachkriegsgesellschaft, wie der Krieg zu bewerten sei, welcher Sinn ihm zugeschrieben werden konnte und wie man mit den Krisen der Nachkriegszeit umgehen sollte. Bald schälte sich eine Deutung heraus, die vor Allem in den jungen Freiwilligen aus dem Bürgertum, von denen überproportional Viele gefallen waren, eine Art Geister-Elite machte, von der man annahm, dass sie als Überlebende dem desorientierten deutschen Volk den Weg hätten weisen können, als seine Retter aufgetreten wären. Der sogenannte „Mythos von Langemarck“ ist hierfür das bekannteste Beispiel. Er bezieht sich auf eine Gruppe studentischer Freiwilliger, die gleich zu Beginn des Krieges bei einem leichtsinnigen Sturm nach vorn – angeblich patriotische Lieder singend – auf die feindlichen Linien in Belgien zustürmten und dabei fast vollständig vernichtet wurden. Die Figur des jugendlichen Helden, der sein Leben gern für das Vaterland hingegeben hatte, enthielt nicht nur Pathos, sondern auch Trost, nicht nur Trauer um den Verlust, sondern auch Hoffnung auf einen anderen Führer.

Insofern hatte Julie Vogelstein nicht nur eine Geschichte aufgeschrieben, die sie selbst und Heinrich Braun trösten sollte und dabei den Gefallenen als reinen Geist wieder auferstehen ließ, sondern sie, die immer Unpolitische, weil unhistorisch den Werten der Klassik Verbundene, hatte mit ihrem Otto-Kult etwas für die Gegenwart Relevantes geschaffen. Damit war sie in Einklang mit ihrer Zeit, die sich nach Figuren wie Otto sehnte. Was Julie Vogelstein allerdings nicht verstand: sie hatte entgegen ihrer Absicht nicht etwas Zeitloses erfunden, als sie Otto als Helden entwarf. 1968 wurde das Buch, umfassend überarbeitet, und unter dem Titel: „Fragment der Zukunft“ in der Bundesrepublik veröffentlicht. Die Reaktion war verheerend. Eine Rezension sprach sogar von einem „furchtbaren Fragment der Vergangenheit“. Die Zeit des Pathos war lange vorbei, Julie Vogelstein hatte es nicht bemerkt und wohl auch nicht wahrhaben wollen. 1935 hatte sie Deutschland verlassen müssen. Sie starb 1971 in New York.

Thomas Mann, bei Kriegsausbruch 39 Jahre alt und Vater von drei Kindern, neun, acht und fünf Jahre alt, meldete sich nicht freiwillig und war über das negative Ergebnis der folgenden Musterungen erleichtert, aber es drängte ihn doch, kriegerischen „Gedankendienst“ zu tun; im Oktober 1914 erschien ein erster Essay, seit 1915 schrieb er an seinen „Betrachtungen eines Unpolitischen“, ein umfangreiches Werk, das 1918 endlich fertiggestellt war und einen Monat vor Kriegende erschien. Der Begriff der „Betrachtungen“ verweist auf eine Haltung der Distanz, sogar der Muße. Aus dieser Haltung heraus entwickelte Thomas Mann eine Struktur, die auf dem unversöhnlichen Gegensatz zwischen Kultur und Zivilisation aufbaut. Kultur, so Mann, ist tief, sie ist Seele; Zivilisation ist flach, sie ist Geist. Das Land der seelenvollen Kultur ist Deutschland, das Land der geistreichen Zivilisation ist Frankreich. Deutsche Kultur ist politik- und staatsfern, die Zivilisation strebt die Politisierung der Menschen an, sie will sie auf Fortschritt und Demokratie verpflichten. Die Deutschen dagegen glauben nicht an den Fortschritt, sie wissen um die Vergeblichkeit aller Politik, ihnen geht die Philosophie und die Kunst über Alles – und das ist gut so. Denn Demokratie, glaubt Thomas Mann, ist verordnete Mittelmäßigkeit. Dem deutschen Volk ist die Demokratie wesensfremd, ihre Gemeinschaft ist keine politische, sondern eine kulturelle. Der Gedanke der Demokratie war das Kind der Aufklärung, und die war französisch, so Mann. Aufklärung behaupte – fälschlicherweise – die Erkennbarkeit der Welt und die Lösbarkeit ihrer Probleme. Was den Franzosen die Aufklärung, sei den Deutschen die Kunst. Diese aber brauche Mythos, Zweifel, Melancholie und Leidenschaft. In Thomas Manns Krieg ging es um die Verteidigung der deutschen Kultur gegen den Fortschrittswahn des Westens, die Internationale der Aufklärer, dessen wichtigster Akteur Frankreich war. Zwar übertrafen Thomas Manns „Betrachtungen“ in ihrer Komplexität und ihrem Niveau das Meiste, was im Krieg hierzu geschrieben wurde. Dennoch fragt man sich, warum die hier knapp skizzierte Konstruktion so viele Jahre, Seiten, Beispiele, Wiederholungen, Variationen, Abschweifungen und Umkreisungen in Anspruch nahm, man fragt also nach dem Überschuss an Energie und Emotionen, nach dem Grund für Thomas Manns Obsession. Der Autor selbst gibt dazu zwei Hinweise: Erstens tritt in seinem Buch in mehreren Kapiteln eine Figur auf, die verächtlich als „Zivilisationsliterat“ bezeichnet wird. Dieser personifiziert das Prinzip des „Westens“, der Aufklärung, der Demokratie und des Fortschrittstrebens. Sein Genre ist der gesellschaftskritische Roman, er betreibt Kunst um des politischen Kampfes willen, sein Wesen ist deshalb undeutsch, und seine Haltung im Krieg ist antideutsch. Der „Zivilisationsliterat“ ist geistig in Frankreich zu Hause, dem Vaterland der gesellschaftskritischen Intellektuellen, z. B. Emile Zola.              

Der „Zivilisationsliterat“ tritt bei Thomas Mann immer im Singular auf. Dass charakterisiert ihn einerseits als einen Typus, andererseits steht er für einen ganz bestimmten Menschen, dessen Name aber nie ausgesprochen wird: es ist Thomas Manns älterer Bruder Heinrich, der Frankreich und die Franzosen liebt, der als einer der ganz wenigen deutschen Intellektuellen den Krieg ablehnt, an dem er Deutschland die Schuld gibt, der Zola verehrt und der sich mit dem Roman „Der Untertan“ selbst als gesellschaftskritischer Schriftteller hervorgetan hat; Heinrich, der sich schließlich, wie sein Bruder Thomas ihn immer wieder spöttisch zitiert, dem Prinzip „entschlossener Menschenliebe“ verpflichtet sah. Der Bruderzwist durchzieht die gesamten „Betrachtungen“. Der zweite Grund für Manns Obsession ist seine traurige Gewissheit, dass er selbst nicht nur ein Mensch der Kultur sondern auch der Zivilisation ist, dass er den Kampf zwischen diesen gegensätzlichen Prinzipien in sich selbst ausfechten muss. Dazu kam seine Gewissheit, dass den von ihm verachteten Kräften des Fortschritts und der Aufklärung die Zukunft gehören werde, unabhängig vom Ausgang des Krieges. Denn dieser mobilisierte nicht nur die Kräfte der Kultur, sondern eröffnete auch Räume für eine zivilisatorische Fortschrittsbewegung, deren Protagonisten nach seinem Ende auf der Einlösung ihrer Ziele bestehen würden. Von den „Betrachtungen“ geht deshalb eine melancholische, pessimistische Wirkung aus, voller quälerischer Selbstbefragungen und „hemmungsloser“ (wie der Autor selbst bekennt) Gefühlsäußerungen.

Wenn Thomas Mann auch mit dem groben Nationalismus vieler Deutschen im Krieg nichts anfangen konnte, Kriegsgeschrei, falsche Heldenverehrung und Hasstiraden auf den Gegner ihm fremd waren – schrieb er doch vom „Tiefsten in mir, meinem nationalen Instinkt“. Er spürte, wie „irgendwelche Gebundenheiten meines Seins und Wesens bewirken, daß ich Deutschlands Sieg wünschte.“ Dieser Wunsch gründete auf der Überzeugung, dass das Phänomen des Kulturbürgertums, sein Verständnis von Bildung und Kunst zutiefst deutsch seien und dass sein eigener „Sinn für Solidität“, und sein „Instinkt-Anspruch auf Würde und behaglichen Überfluss“ nur unter den Bedingungen deutscher Kultur befriedigt und ausgelebt werden können. Seine eigene Bürgerlichkeit bestimmte er als den Kern deutscher Kultur überhaupt. Seine Angst vor deren Verlust war existentiell. Sie war zutiefst persönlich.

Demgegenüber bleibt der Krieg selbst als militärischer Konflikt, als Welt-Krieg, als Ereignis zuvor unvorstellbarer Gewalt mit Millionen Toten und zivilem Elend merkwürdig im Hintergrund. Erst im neunten Kapitel, überschrieben: „Einiges über Menschlichkeit“, legt Thomas Mann dar, was er vom Krieg als Gewalt weiß: In acht Zeilen presst er Bilder von zerrissenen Menschenkörpern und kindlichen Schreien nach der Mutter, wehrt sich aber sogleich gegen seine spontane Reaktion auf solche Bilder: Erbarmen und eigene Todesangst. Denn, so Mann weiter, „der Einzelne“ stirbt doch „immer nur seinen eigenen Tod“, der nicht schrecklicher wird dadurch, dass er im Krieg „verzehntausendfacht“. Sterben müssen wir alle, auch im Bett sterben kann schrecklich sein. Wie sich der Tod unter den Bedingungen des Krieges anfühlt, darüber lässt er sich durch die 1916 veröffentlichten „Kriegsbriefe deutscher Studenten“ belehren, die Krieg und Tod ihren schrecklichen, persönlichen Sinn zusprechen. „Dieser Gang durch den Tod“, zitiert er einen jungen Reserveleutnant, „war mir eine ungeheuer selige Qual, eine Befreiung“. Thomas Mann fragt: „Lehrt nicht dieser Brief, dass die Seele des Menschen nicht umzubringen, nicht zu entwürdigen ist, daß ihre wahre Kraft und Hoheit sich erst im Leiden ganz bewährt?“ Den Krieg als Gewalterlebnis deutet Thoms Mann also als eine Gelegenheit, intensiv das Leben, den Tod und die Kunst zu erleben. Er vergleicht ihn mit der archaischen Grausamkeit eines Geburtsvorgangs, als kulturelle und menschliche Notwendigkeit.      

Obwohl Thomas Mann seit 1915 an seinen „Betrachtungen“ gearbeitet hatte, wird er den gesamten Text, als er schließlich vor der Drucklegung 1918 seine Einleitung dazu schrieb, noch einmal gelesen haben. Angesichts der Wirkung, die der Krieg auf die gesellschaftliche Verfasstheit in Deutschland hatte, nahm er die unaufhaltsame Tendenz zur Demokratisierung und die zunehmenden Forderungen nach mehr Partizipationsmöglichkeiten resigniert zur Kenntnis. Anstatt der von ihm verachteten Demokratie, die für ihn des Ende von Kultur und Kunst bedeutete, schloss er sich daher der Idee des „Volksstaats“ an.  Darunter verstand er die Verpflichtung staatlicher Politik auf „volkliches Wollen“, sowie eine volkstümliche Herrschaftsausübung. Diese sollte aber nicht durch das allgemeine und gleiche Wahlrecht verwirklicht werden, sondern er baute auf die spontane Durchsetzung des Volkes als „mythischer Einheit“, wie sie ja auch im August 1914 bestanden habe. Aber wirklich glauben konnte er an diese Möglichkeit nicht mehr. In seiner Wahrnehmung hatte die Idee der Organisation schon über die des Organischen gesiegt.  Wir können also davon ausgehen, dass er die schon einen Monat später beginnende Nachkriegszukunft ohne Enthusiasmus erwartete.

Umso erstaunlicher, dass Thomas Mann die veränderten Verhältnisse zügig zur Kenntnis nahm und sich in schnellen Schritten von den leidenschaftlichen Postulaten seiner „Betrachtungen“ entfernte. Schon im Januar 1919 deutete er an, dass die Niederlage „von den Kräften der Zukunft“ bewältigt werden könne. Der „soziale Volksstaat“ sei ein folgerichtiges Ziel deutscher Geschichte. In seinem Vortrag, später veröffentlicht unter dem Titel: „Von deutscher Republik“ wandte er sich vor allem an die männliche, studentische, also bürgerliche deutsche Jugend. Ohne seinen „Betrachtungen“ explizit zu widersprechen, deutete er die Weimarer Republik bald als Erfüllung seines Traums als die Einheit von Volk und Staat. Er distanzierte sich vom Krieg, den er nun eine Lüge und eine Blutorgie nannte. Er distanzierte sich auch vom deutschen Kaiser und seinem Staat, über den er sich als „imperiale Gala-Oper“ lustig machte. Stattdessen seien Republik und Demokratie eine „innere Tatsache“ geworden, der Staat sei dem Volke zugefallen und könne ihm Heimat werden. Um die Republik innerlich anzunehmen, versuchte Thomas Mann, diese, wie zuvor den antidemokratischen Volksstaat, poetisch zu romantisieren und zu erotisieren. Er berief sich auf Novalis‘ politische Sehnsüchte und auf Walt Whitman’s Idealisierung der amerikanischen Demokratie. Er wollte die Republik nicht nur akzeptieren, sondern lieben und ging dabei so weit, sie als die staatliche Form eines homoerotischen Männerbunds zu beschreiben, als Gebilde sich „liebend einander umschlungen haltender Freistaaten“

Selbstverständlich lasen die Zeitgenossen den Essay „Von deutscher Republik“ dennoch als radikale Distanzierung von den „Betrachtungen“. Darauf antwortete Mann im Vorwort zur gedruckten Ausgabe: „Ich weiß von keiner Sinnesänderung. Ich habe vielleicht meine Gedanken geändert – nicht meinen Sinn.“ Was wie eine spitzfindige Rechtfertigung klingt, mag dennoch wahr sein. Die Begründung, der Gegenstand und die Ambivalenz seiner Liebe waren gleichgeblieben. Er hatte sein Liebesobjekt nur an einem anderen Ort wiedergefunden, bzw. sich vorgestellt. Dieses Liebesobjekt selbst aber blieb die melancholische, ironische, ambivalente deutsche Tiefe. Und er selbst blieb sich treu als deutscher Bürger, ein an sich selbst leidender Künstler und protestierender Konservativer.

Dennoch drängt sich der Eindruck eines extremen Pragmatismus auf, getreu dem Motto, dass, wenn man, was man liebt, nicht bekommen kann, man einfach das lieben soll, was man stattdessen erhält. Hatte Thomas Mann schnell verstanden, dass seine bürgerliche Behaglichkeit durch die Demokratie keineswegs gefährdet war? Hatte das unrühmliche Kriegsende zu einer plötzlichen Ernüchterung geführt, die ihn sein vorheriges Schwärmen über die Tiefe deutscher Kultur als beschämend empfinden ließ? Oder lag der Grund für seinen schnellen, anscheinend auch mühelosen Wandel in der Tatsache begründet, dass er anscheinend keinen persönlichen Verlust zu beklagen hatte?  Sein älterer Bruder Heinrich war schon für den Wehrdienst untauglich befunden worden, sein jüngerer Bruder Viktor wurde zwar eigezogen, wegen seines Rheumatismus aber den ganzen Krieg in einer Kaserne in München. Wie auch immer: Thomas Mann blieb ein konservativer, aber loyaler Unterstützer der Weimarer Republik. Schon im Februar 1933 verließ er Deutschland und kehrte erst nach Kriegsende aus dem US-amerikanischen Exil zurück. Er hatte also wirklich aus der Erfahrung des Ersten Weltkriegs und seines Endes politisch gelernt, auch wenn die „Betrachtungen“ in seinem Gesamtwerk einen peinlichen Ausrutscher darstellen.

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Ich habe Depression, Pathos und Pragmatismus als sehr persönliche, im eigenen Erleben begründete Reaktionen auf das Kriegsende beschrieben. In der mir verbleibenden Zeit möchte ich aber auch den gesellschaftlichen Ort skizzieren, an dem diese Reaktionen ihre Basis fanden. Deutschland hatte mit fast zwei Millionen Kriegstoten die höchsten Verluste zu beklagen, insbesondere wenn man diese Zahl mit der Größe der Gesamtbevölkerung in Beziehung setzt. Alle Bevölkerungsschichten waren davon betroffen, es gab kaum eine Familie, in der nicht ein Vater, ein Sohn, ein Bruder getötet worden war, oft auch mehrere Männer. Wir können gar nicht ermessen, wieviel Trauer in Nachkriegseuropa herrschte, eine Trauer, die durch Revolutionen, materielles Elend, Bürgerkriege, neue Staatsgründungen und ethnische Konflikte zum Schweigen gebracht schien.

Im deutschen Bürgertum waren es vor Allem die vielen jungen Freiwilligen, unter denen die Todesrate besonders hoch war. Die Trauer um sie konnte übertönt werden, sie konnte die Hinterbliebenden lähmen, sie konnte sie brechen. Lange wurde darüber wenig nachgedacht, weil der Zweite Weltkrieg mit seiner noch viel höheren Zahl von Toten, seinen Millionen zivilen Opfern und den parallelen Genoziden den Schrecken des Ersten Weltkriegs als bloßes Vorspiel erscheinen ließ. Aber für die Mitlebenden, die Überlebenden fühlte sich das anders an. Nur die wenigsten deutschen Gefallenen konnten nach Hause geholt werden – sie blieben, wenn überhaupt, irgendwo an der Front verscharrt. Ihre Leichen waren später von denen ihrer Gegner nicht mehr zu unterscheiden. Bis heute, 100 Jahre nach Kriegsende, finden die Bauern an der Somme noch immer menschliche Knochen, wenn sie ihre Felder pflügen; sie hängen die Fundstücke an den Zaun, wo sie vom Museum in Peronne abgeholt und begraben werden.           

Die Unaussprechlichkeit der privaten Trauer wurde bald überdeckt von öffentlichen Trauerritualen, in denen die jungen, bildungsbürgerlichen Gefallenen eine zentrale Rolle einnahmen, wie ich am Beispiel des im April 1918 an der Westfront getöteten Otto Braun gezeigt habe. Der Heldenkult um diese Jungen war eine Antwort auf die Niederlage. In der sogenannten Dolchstoßlegende, wonach die kriegsmüde und revolutionäre Heimat die kämpfende Truppe im Stich gelassen und verraten habe, galt Deutschland als „im Felde unbesiegt“, wie es von reaktionärer Seite hieß. Aber auch wer damit nicht übereinstimmte, war durch die harschen Bestimmungen des Versailler Vertrags, die mit der These von Deutschlands alleiniger Schuld am Krieg begründet wurde, tief in seiner nationalen Würde verletzt. Die gefallenen Helden galten als Beweis nicht nur für den Mut, sondern den Edelmut des deutschen Soldaten. Die Briefsammlung von Witkop, auf die sich Thoms Mann berief, wurde 1918 und bis zum Ausbruch des Zweiten Weltkriegs neu aufgelegt, jetzt unter dem Titel: „Briefe gefallener Studenten“. Zahlreiche Offiziere, ganze Regimenter schrieben über ihre individuellen und kollektiven Heldentaten. In jährlich wiederkehrenden Gedenktagen erinnerte sich die Republik an ihre Gefallenen mit Trauer, Stolz und teilweise Rachegedanken. Kritische, gar pazifistische Verarbeitungen waren in der Minderheit und lösten aggressive Proteste aus. Als 20 Jahre später der Zweite Weltkrieg ausbrach, sah eine Minderheit der Deutschen das als Gelegenheit, die Verluste und Kränkungen an die damaligen Sieger zurückzugeben. Der sogenannte Blitzkrieg schien sie zunächst darin zu bestätigen. Am Ende war die Zahl der eigenen Toten mit über drei Millionen deutlich höher, als im Ersten Weltkrieg. Rußland, das damals 1,3 Millionen Gefallene zu beklagen hatte, verlor im Zweiten Weltkrieg (als Sowjetunion) 19 Millionen Menschenleben. Die pathetische Beschwörung des stolzen Kriegers und nationalen Heldentums hatte sich – in Deutschland - auf lange Zeit erledigt.              

Dagegen erwies sich der Pragmatismus, mit dem das Kriegsende bewältigt wurde, als ein wirklicher, tragfähiger Anfang. Trotz aller politischen Gewalt und ökonomischer Krisen, nach wenigen Jahren stellte sich heraus, dass es sich in der Weimarer Republik auch – oder sogar besonders – für das Bürgertum gut leben ließ, dass die Demokratie nicht nur Mittelmäßige an die Macht brachte und dass die Kulturbürger, wenn sie es wünschten, sich ganz der Kunst widmen und ein „behagliches“ Leben führen konnten, solange sie akzeptierten, dass die deutsche Kultur sich auch politisierte, modernisierte und demokratisierte. Dass ausgerechnet Thomas Mann diese Republik so zu lieben begann, dass er sie n ihrem Ende verließ, um erst in die Schweiz und dann in die USA zu gehen, aber in die Nachkriegsrepublik zurückzukehren, mag überraschen; es spricht aber für die Tragfähigkeit seines Neuanfangs nach dem Krieg, und beweist, dass Pragmatismus nicht mit Prinzipienlosigkeit verwechselt werden sollte. Thomas Manns Wertekonservatismus hatte sich – wie bei den meisten deutschen Intellektuellen – im Kriegsrausch verirrt. Aber anscheinend hatte es sich trotz der gefühlten „Hemmungslosigkeit“ – wie bei Anderen – um ein vorübergehendes Oberflächenphänomen gehandelt, dem im Laufe des Krieges, spätestens aber mit seinem Ende, das imaginierte Objekt abhandengekommen war. Dennoch bleibt die bildungsbürgerliche Liebe zum Krieg, der Wunsch danach, im Volk aufzugehen und die Sehnsucht, im Tod – Sterben und Töten – sein Leben zu erfüllen, auch wenn das nur in der Phantasie stattfand, zutiefst beunruhigend. Seien wir also für den unheldischen Pragmatismus der Nachkriegszeit dankbar, auch wenn er vom mörderischen Pathos des Nationalsozialismus vorläufig besiegt wurde.