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Publikationen


Almanach Niddener Hefte 2005/I

Das 8. Thomas-Mann-Festival in Nidden unterschied sich von den vorangehenden durch sein Thema: Diesmal war es nicht mehr direkt mit dem Leben des Hausherrn verbunden. Meiner Meinung nach ist das auch gut so. Das Thomas-Mann-Kulturzentrum, der Veranstalter des Festivals, sollte nicht in erster Linie als Ort der Verehrung des großen Schriftstellers verstanden werden, sondern als Ort des internationalen Kulturdialogs.
Das Thema für das Festival wurde 2004 durch die Geschichte vorgegeben: “Wir in Europa und Europa in uns” – erst zwei Monate nach der Erweiterung der Europäischen Union gab es wohl kaum eine wichtigere Frage sowohl für das „neue“ als auch für das „alte“ Europa. Heute, nach einem Jahr, sehen wir deutlich, dass die Aktualität dieses Themas sich nicht verringert hat, sonder eher noch größer geworden ist. Es scheint mir, dass es sich nicht nur einfach um eine zu erörternde “Frage” handelt; ich glaube vielmehr, dass diese Erweiterung eine Herausforderung darstellt, der wir uns alle bewusst sein sollten, wenn wir daran interessiert sind, dass wir und auch unsere Kinder in einem mehr oder weniger ruhigen, sicheren und nicht von innerem Zwist bedrohten Haus des vereinten Europas leben.
Nur der oberflächliche Beobachter könnte meinen, dass die Vereinigung bereits vollzogen sei. Die einige Jahre andauernden Verhandlungen rückten tiefergehende und vielleicht auch wesentlichere Dinge in den Hintergrund. Damit meine ich die Geistes- und Mentalitätsunterschiede der Völker Europas. Ihr friedliches Zusammenleben kann nicht allein durch Verhandlungen erreicht werden. Dazu bedarf es vielmehr Begegnungen und Gespräche, wie sie das Thomas-Mann-Festival bietet. Im Wortprogramm des vergangenen Jahres hörten wir Vertreter der intellektuellen Eliten aus drei Ländern, Deutschland - Karl Schlögel, Polen - Adam Krzeminski, Litauen - Nerija Putinaitė.
Doch das gesprochene Wort ist von kürzerer Dauer als das geschriebene. Wir glauben, dass die Gespräche, die unter dem Dach des Thomas-Mann-Hauses geführt werden, auch für Menschen interessant und nützlich sein können, die keine Gelegenheit hatten ihnen beizuwohnen. Die häufigen Nachfragen nach den Texten der Redner überzeugten uns außerdem davon, dass es Interesse daran gibt, sich ausführlicher mit ihren Gedanken zu beschäftigen. Deshalb haben wir beschlossen, die Texte des Wortprogramms in Buchform herauszugeben.
Auf diese Weise ist es gekommen, dass der Leser nun diese erste Nummer der “Niddener Hefte” in den Händen hält, der, wie wir hoffen, auch weitere folgen werden.

Antanas Gailius

Kuratoriumsvorsitzender des Thomas-Mann-Kulturzentrums

(Graphische Gestaltung J.Jacovskis, Foto von V.Strauko)

Niddener Hefte 2006/II

Almanach Im Jahre 2005 wurde der 50. Todestag von Thomas Mann begangen, deshalb haben wir zum Thema des 9. Thomas-Mann-Festivalls die Frage nach dem Verhältnis zwischen Künstler und Gesellschaft und überhaupt nach der Verantwortung des Intelektuellen gewählt. Diese Frage beschäftigte den Besitzer des Sommerhauses in Nidden, sie ist oder zumindest sollte auch heute nicht weniger aktuell sein. Was ist die Verantwortung des Intelelktuellen, des Denkers und des Schöpfers? Wem gegenüber trägt er seine Verantwortung und wo sind die Grenzen dieser Verantwortung gesetzt? Darüber sprachen im Juli 2005 der Schriftsteller und Verleger Michael Krüger, die Historikerin Helga Grebing, der Filmregisseur Krzysztof Zanussi und der Philosoph Mantas Adomenas. Wir hoffen, daß die Texte ihrer Vorträge auch von längerer Dauer sind und publizieren sie in diesem zweiten Heft der “Niddener Hefte”, die – wie bereits üblich – zweisprachig, litauisch und deutsch, ertscheinen.

Antanas Gailius
Kuratoriumsvorsitzender der Thomas-Mann-Kulturzentrums

(Graphische Gestaltung J.Jacovskis, Foto von K.Mizgiris)

Niddener Hefte 2007/III
Kulturlandschaften

Städte nach dem Umbruch: Gdansk, Kaliningrad, Klaipėda

Mit dem bereits zehnten Thomas-Mann-Festivall wollten wir einen neuen Themenkreis beginnen. Wir verstehen uns als ein regionales Kulturzenter, dessen Aufmerksamkeit in erster Linie den Ostseeländern gelten sollte. Deshalb haben wir 2006 zum Thema drei Städte gewählt, die an unserem Ende von Europa - und auch überhaupt in Europa - vielleicht am deutlichsten von den Erschütterungen zeugen, welche die Menschheit im 20. Jahrhundert immer wieder aus den einen in die anderen Hände übergingen, Städte, um die man bis zum letzten Atemzug gekämpft hat, und letzten Endes auch Städte, deren heutige Bewohner darin nicht unmittelbar verwurzelt sind und deshalb kein natürliches Verhältnis zum historischen Erbe besitzen, das ihnen zugefallen ist. Andererseits sind die Geschichte und die Gegenwart dieser drei Städte durchaus unterschiedlich, deshalb sind sowohl die Identitätsprobleme, die in ihnen entstehen, als auch die Versuche, diese Probleme zu lösen, keinesfalls identisch. Sie können auch gar nicht identisch sein.
Zuletzt sind diese drei Städte, die heute zu Polen, Rußland und Litauen gehören, von dem deutschen Kulturgedächtnis nicht zu trennen, sie sind, wenn auch in unterschiedlichem Maße, von dem Kulturgedächtnis des Landes nicht zu trennen, mit dem sie jahrhundertelang verbunden waren. Im Wortprogramm des Festivalls haben wir versucht, darüber zu sprechen. Selbstverständlich ging es dabei nicht um eine wissenschaftliche Konferenz. Wir hatten nicht vor, das Unmögliche zu leisten und alle Aspekte des Themas zu behandeln. Wir luden einfach zum Gespräch ein und glaubten, daß das gastfreundliche Dach des Thomas-Mann-Hauses für ein solches Gespräch wie kaum ein anderes geeignet ist.
Es lagt uns sehr daran, daß es ein hoffnungsvolles Gespräch wird. Hoffnungsvoll ist ja bereits die Tatsache, daß eine Diskussion zwischen Polen, Russen, Deutschen und Litauern zu einem so delikaten Thema überhaupt möglich geworden ist.
In diesem Heft der "Niddener Hefte" legen wir die Beiträge aus diesem Gespräch vor und danken den Autoren, die bereit waren, an unserem Wortprogramm teilzunehmen.

Antanas Gailius
Kuratoriumsvorsitzender des Thomas-Mann-Kulturzentrums

Niddener Hefte 2008/IV

Nahe und ferne Verwandte: Vilnius, Riga, Tallinn

Als Fortsetzung des Zyklus der "Kulturlandschaften", fassten wir den Entschluss, diesen Sommer die Besucher des Festivalls in die drei Hauptstädte der baltischen Länder einzuladen. Im letzten Jahrzehnt des verganenen Jahrhunderts wurden diese drei Namen - Riga, Talinn, Vilnius - oft in einem Atem genannt, wir selbst aber, die Bewohner dieser Länder, waren uns sehr wohl dessen bewusst, dass unsere Einheit eigentlich nur durch das gemeinsame Schicksal im letzten Jahrhundert begründet ist. Deshalb ist es wohl nur natürlich, daß heute der Begriff des "Balticums" immer öfter durch die genauere Bezeichnung - Estland, Lettland und Litauen - ersetzt wird.
Jedes  dieser drei Länder und jede ihrer Hauptstädte standen und stehen unter dem Einfluss von unterschiedlichen Anziehungskräften. So ist Litauen das einzige unter den drei Ländern, das schon im späten Mittelalter seine einige Staatlichkeit besaß. Der gemeinsame Staat mit Polen, der einige Jahrhunderte existierte, und die für Litauen und Polen gemeinsame katholische Tradition hinterließen und hinterlassen deutliche Spuren in der litauischen Kulturlandschaft. Für Lettland und Estland ist eher der Einfluss der deutschen Kultur und der Protestantismus gemeinsam. Andererseits existiert selbstvertändlich auch die etnische Verwandschat von Letten und Litauern. Estland blickt seinerseits
gerne über die Ostsee zum etnisch verwandten Finland hinüber.
Wie sehen also heute diese drei Städte aus, die wir zum Them des diesjährigen Festivalls gewählt haben? Wenn man von den Hauptstädten redet, redet man bewußt oder unbewuß auch von den Ländern. Existiert wirklich noch die so oft deklarierte Einheit der baltischen Länder, oder wird sie eher durch die Konkurenzkämpfe in der EU verdrängt?
Was blieb in diesen drei Städten aus ihrem vielschichtigen historischen Erbe übrig und was hält sie heute am Leben?
Wir laden ein, sich hinzusetzen und darüber zu reden. Wie Brüder und Verwandte. Unter dem Strohdach des Thomas-Mann-Hauses, mitten im Hochsommer, fern von dem Arbeitszwang und der Eile des Alltags.

Antanas Gailius
Kuratoriumsvorsitzender des Thomas-Mann-Kulturzentrums

Björn Engholm
Kultur im Ostseeraum - Basis der Identität

Vortrag, gehalten am 14. Juli 2008 im Thomas-Mann-Museum, Nidden, im Rahmen des XII. Internationalen Thomas-Mann-Festivals in Nidden vom 12. bis 19. Juli 2008

Was mich immer auf´s Neue irritiert, ist,
wie extrem in unseren Tagen alles, buchstäblich alles,  von wirtschaftlichen Aspekten dominiert wird: der Zweck, der Nutzen, Ertrag, Effizienz und Erfolg sind wie nie zuvor in der Geschichte zum allgegenwärtigen Maßstab geworden.
Diskutieren wir über Bildung, steht die Berufskarriere im Vordergrund; streiten wir über Europa, meinen wir den Euro und die Notenbank; wird von Vorzügen einer Nation gesprochen, stehen die ökonomischen Standortfaktoren im Raum; der Sport ist lange schon ein Wirtschaftsbetrieb; der Wert von Medien bemißt sich nach rentablen Reichweiten und Quoten; Städte werden zu Kaufparadiesen, Bahnhöfe zu Vergnügungszentren; Kinos gehen aufs Börsenparkett; die Ökobank bietet Abschreibungsprojekte. - alles wird Ökonomie.
Diese Mechanismen gelten universell; sie durchdringen alle Länder und Kontinente (von Norwegen bis Indonesien) machen vor keiner sozialen Schicht halt, sparen kein gesellschaftliches Segment aus: die Welt wird zum globalen Wirtschaftsdorf, in dem alle nach den gleichen Regeln funktionieren - eine neue Form von Egalisierung.
Diese unmäßige Verengung unserer Perspektiven macht vergessen daß die Wurzeln unseres Kontinents, seine Faszination, seine Kraft in der Kultur begründet sind. Denn: am Anfang Europas stehen nicht Imperien, Mächte und Ökonomien, sondern Städte und Regionen (wie Athen, Rom, Kreta, Rhodos ...), deren legendärer Ruf auf ihren fruchtbaren und vielfältigen Kulturen basiert.
Systematisiert man diese historischen Triebkräfte, lassen sich fünf kulturelle Basislinien entdecken, die die Menschen unseres Kontinentes wie auch dessen Ansehen in der Welt irreversibel geprägt haben:
- das den Mythos überwindende rationale, wissenschaftliche Denken; es beginnt mit der griechischen Philosophie, führt über die Scholastik zu den frühen naturwissenschaftlichen Denkern, von dort zu den Enzyklopädisten und der französischen Aufklärung, zur Frankfurter Schule und den kritischen Postmodernisten unserer Tage....;
- der ausgeprägte Sinn für Form und Praxis,
der aus dem rationalen Denken erwächst und seit den Römern das systematische Gestalten der Polis zu hoher Perfektion bringt;
- der von der römischen Kirche verbreitete Glaube, der zur ersten - theologischen - Integration Europas führt und die gesamte Welt der europäischen Werte prägt;
- parallel dazu der jüdische Glaube und Geist, dem Europa zahllose kulturelle Schätze und innovative Ideen verdankt; und
- die Vielfalt und Dichte der Künste: die Malerei und Bildhauerei, die Musik und das Theater, die Literatur, das Kunsthandwerk - eine global einmalige Landschaft der Sinne und des Schöpferischen.
Vereinfacht gesagt: Wenn etwas das Gesicht Europas, nach innen wie nach außen, und wenn etwas fundamental unsere Identität als Europäer geprägt hat, dann waren und sind es die Künste, das rationale Weltbild und der Glaube:  all das, was wir im klasischen Sinne unter Kultur verstehen. Das gilt nahezu uneingeschränkt auch für den Norden Europas.
Wenn vom Norden, besser vom Ostseeraum gesprochen wird, dann ist damit eine Großregion bezeichnet, die - genau genommen - aus mehreren geschichtlich, geoökonomisch, ökologisch und kulturelle differierenden Teilgebieten (Mesoregionen) besteht:
- Hoch im Norden aus der „Nordkalotte“, der heutigen „Barents-Region“, also den Mikroregionen Nordnorwegen, Nordschweden, Nordfinnlands und - rußland;
- der eigentlichen „Ostseeregion“ mit Schleswig-Holstein, Mecklenburg-Vorpommern, Nordpolen, Königsberg, Litauen, Lettland, Estland, Petersburg, Südfinnland, Südschweden, Südnorwegen und Dänemark;
- und - wenigstens teilweise - aus dem „neuen Mitteleuropa“, sprich Polen, Litauen, Weißrußland, der Ukraine, Tschechien etc., das sich entlang der „jagiellonischen“ Linie versteht und Interessen nach Norden wie Süden (zur Alpe-Adria-Region) entwickelt.
Der frühere Landesminister für Europa und Justiz, Gerd Walter, hat kürzlich in einer Rede  darauf hingewiesen, daß man - im Gegensatz zum Mittelmeerraum - trotz aller nordischen Diffenrenziertheit von einer „Ostseefamilie“ sprechen könne. Wenn das, wie auch ich glaube, tatsächlich so ist: Wo liegen die Ursachen? Woran mag es liegen, daß Lübecker sich immer schon in Tallin zu Hause fühlten, Kopenhagener mit Danzig vertraut sind, Rigaer Hamburg mögen und Stockholmer Vilnius ? Daß Dänen südlich und Deutsche nördlich der Grenze in Eintracht existieren und ein weltweit vorbildliches Minderheiten-Modell vorleben ? Und dies trotz dramatischer historischer Ereignisse und tiefer Wunden ?
Dazu beigetragen haben sicherlich die die Geschichte des Ostseeraumes lange bestimmenden Mischreiche. Die Verbindungen Dänemarks mit Schleswig-Holstein, Schwedens mit Dänemark, der Zaren mit Gottorf, Mecklenburg, Dänemark und Preußen; der Pole Sigismund III. auf dem schwedischen Thron; aber auch der Mehr-Ethnien-Staat Preußen selbst; die frühen schwedischen Reformen in Livland; die europäische Anziehungskraft des kulturvollen St. Petersburg - immer wieder gab es Verbindungen, Verstrickungen und Netzwerke zwischen allen Ostseestaaten, die letzlich auch eine bemerkenswerte Offenheit, Vielfältigkeit und Multikulturalität hinterließen.
Dazu beigetragen hat natürlich die Hanse, die über Jahrhunderte und alle Grenzen hinweg immer wieder Menschen und Kulturen miteinander verbunden hat (und deren Geist nach dem Fall der Blockgrenzen noch einmal eine erstaunliche Faszination entwickelte).
Die nie eindeutigen, die immer wechselhaften Machtverhältnisse führten dazu, daß keine wirklich dauerhafte Vormachtstellung eines Staates an der Ostsee entstand - eine bedeutende historische Sonderheit, wie auch jene, daß die Ostsee (anders als der Atlantik und der Pazifik) in den Weltkriegen nicht zum „Kriegsmeer“ degenerierte. Auch im Kalten Krieg bescherte die durch NATO, Warschauer Pakt und skandinavische Neutrale getragene Sicherheitsbalance dem Meer Frieden und einen für diese Zeit beachtlichen Kulturaustausch.
Wichtiger noch, gleichsam fundamentaler, scheint mir, daß durch die vielfältigen geschichtlichen Vernetzungen und die natürlichen Lebensumstände im Norden mentale Ähnlichkeiten und ein sehr spezifischer kultureller Fundus entstanden ist, der mehr als nur eine rudimentäre nordische Identität ausgebildet hat: die Ostseeanrainer verfügen - all‘ ihrer Bescheidenheit zum Trotz - über reiche, typische und streckenweise sehr ähnliche kulturelle Traditionen.
Die auffälligste, weil sie eine Art gemeinsames und sichtbares „Gehäuse der Erfahrung“ (E. Bloch) darstellt, ist die singuläre backsteingotische Architektur, die besonders durch ihre Kirchenbauten ein interregionales Heimatgefühl konstituiert.
Eine andere unverwechselbare Tradition wurzelt in Sagen, Geschichten und aus ihnen entstandenen Liedern. Vom finnischen Kalevala-Epos zur estnischen Kalevipoeg-Sage und der lettischen Bärentöter-Legende (Laclepis); von den Trutzliedern dithmarscher Bauern zu den dänischen Kaempeviser; ob Nils Holgerson, der kleine Däumling oder der Schimmelreiter ; von den „Dainas“ genannten lettischen Volksliedern bis zur „Singenden Revolution“ der Balten - selten gibt es soviele miteinander inhaltlich verbundene, alle Grenzen überwindenden „nordischen“ Expressionen.
Wer Bernd Notkes Altäre in Aarhus und Lübeck anschaut; wer erinnert, daß Ph. O. Runge und C.D. Friedrich in der Akademie Kopenhagen weilten; wer Sibelius hört, Ciurlionis, Barkauskas oder Griegs „Peer Gynt“; wer Ibsen erlebt; wer Zemaite, Miezelaitis, Jan Kross, Knut Hamsun, Andersen Nexö oder Klaus Groth liest, weiß: das ist der Norden.
Schließlich, nicht endlich: Wenn man eine gehörige Portion Aal in Gelee, Hering in Dill, merkwürdige, „Pölser“ genannte Würstchen, einen Rogen namens Lojrom oder geräucherten Renschinken oder gefüllte Klöße  auf dem Tisch hat - dazu ein gelblich-weißes Getränk, das die Isländer zurecht „Schwarzer Tod“, die Dänen und Norweger euphemistisch „Jubiläum“ oder „Linie“ nennen - dann sagen einem Geschmack wie Gefühl: das hat nichts mit italienischer Cuisine oder  französischem Grand Cru zu tun - das ist typisch Nord.
Die Kultur im weitesten Sinne, als Summe aller materiellen und immateriellen Manifestationen, bewußt erlebt oder nur subkutan spürbar, ist der wichtigste Orientierungsposten für Identifikationen mit und in der baltischen Großregion. Hier kennt man sich aus, fühlt sich wohl, wird nicht zum Orientierungswaisen globaler Trends, kurz: die gemeinsamen und ähnlichen kulturellen Muster in Nordeuropa können Instrumente der Verständigung, des Verstehens, Akzeptierens und Achtens, also unschätzbare Fundamente für Friedfertigkeit und Friede sein.
Wie richtig diese These ist, beweist das Zusammenleben im Ostseeraum: eine vielfältige Einheit, die nicht ökonomisch und politisch erzwungen, sondern kulturell fundiert ist ! Einfach gesagt: Weil die Ostseeanrainer ihre Sprache und ihre kulturellen Sonderheiten pflegen, achten sie einander. Nur, wer Kultur besitzt, weiß die Kultur des Nachbarn zu schätzen ...
Für mich folgert daraus, daß der Förderung und Pflege der Kultur ein hoher Stellenwert zukommt. Wie aber steht es um die Hauptelemente der Kultur : den kritischen Geist und die Welt der Künste ?
- Wie steht es um die Ratschläge Kants, sich
seines Verstandes zu bedienen und wie um Descartes‘ „cogito ergo sum“ ? Wo ist der kritische Geist, der Fehlentwicklungen markiert, wo die Universitas, die Optionen für die Zukunft offeriert? Wo der leidenschaftliche öffentliche Disput über Alternativen ? Wo ist der Diskurs der klugen Köpfe der Gesellschaft über die Zukunft derselben? Es scheint, als ginge der Geist nach Brot, orientiere sich am Markt, liefere Produkte, die marktgängig sind, gefragt: die Ratio kapriziert sich auf Ökonomisch-technisches. Querdenker, Zeitgeistlose, Skeptiker - wenn es sie denn noch gibt - haben ein abnehmendes Publikum, keine Einschaltquoten und schon deshalb keinen Markt: der grenzenlos kritische Geist, Europas vielleicht größte Kraft, steht in der freiesten Zeit aller Zeiten nicht eben in höchster Blüte!
- Auch die Kultur der Sinne, die Aisthesis,
also die sinnliche Wahrnehmung, die uns allein den Zugang zur Welt ermöglicht und Basis jeder künstlerischen Kreation ist, verändert sich rapide.
Das Sehen, unsere visuelle Kompetenz, wird in hohem Maße geformt und geprägt durch laufende Bilder, deren Flut (300-400.000 Angebotsstunden in Lübeck oder Danzig per anno) alles frei Haus liefert, was noch vor einer Generation selbst zu entdecken war. Je bildervoller, desto fensterloser würden wir, denn wer alle Bilder besitze, brauche keinen neugierigen Blick nach draußen mehr (Wolfgang Welsch).
Das Hören, der auditive Strang unserer Wahrnehmung, unterliegt ähnlichen Veränderungen. Was es bedeutet, wenn eine akustische Glocke über uns gestülpt wird, unter der - im Büro, beim Frisör, im Kaufhaus, im Lift, vom Café bis zum Airport-Klo und dem Animationsclub - die ewiggleichen Musikclips laufen; wenn der Hörfunk (die alte Domäne der Sprache) zur sprachlosen Popmaschine und Sprache zum Träger von Werbebotschaften oder „action news“ wird; wenn die musikalische Vielfalt im postmodernen Cross-over verschmilzt; wenn Orte differenzierter Hörerfahrung, der Stille, der Regeneration des Hörempfindens immer seltener werden - es sei dahingestellt.
Was für Sehen und Hören, gilt auch für die übrigen Sinne, für Tasten, Riechen und Schmecken. Je cleaner diese Welt wird, je mehr synthetische Düfte sie durchziehen, je weiter die Junk-und-Fast-food-Kultur reicht und je universeller und weniger vielfältig die Duft- und Geschmacksvarianten werden; je umfänglicher alte handwerkliche durch neue industrielle Großproduktionen und individuelles von Massendesign ersetzt wird; wenn Sex vor Erotik geht: es hat Auswirkungen auf unsere geschmacklichen, olfaktorischen und taktilen Fähigkeiten.
Hans Zender, einer der deutschen zeitgenössischen Komponisten und Dirigenten hat jüngst seiner Befürchtung Ausdruck verliehen, daß Kultur mehr und mehr zur Marktware werde, zum wirtschaftlichen Produkt, dessen Ansehen und Preis von Angebot und Nachfrage bestimmt und nach Nutzen und Zweck bewertet werde. Es sei der Tod von kultureller Innovation, wenn Kunst zum Wurmfortsatz des Ökonomischen verkomme.
Für den Augenblick gilt: die aus offener, neugieriger und sensibler Wahrnehmung erwachsenden Fähigkeiten (ästhetischen Umweg-Renditen) wie Weitsichtigkeit, Hellhörigkeit oder Feinfühligkeit genießen keine gesellschaftliche Priorität.
Fazit: Die Kultur spielt im Kontext von Ökonomie und Politik nur eine untergeordnete Rolle; das gilt für weite Teile Europas - und fraglos auch für den Norden. Und das, obwohl die ästhetische Dimension Quelle aller Phantasie und Kreativität und natürlichster Weg der Verständigung ist.
Daß Kultur umso gefährdeter ist, je härter die ökonomischen Zwänge sind, wissen die jungen Demokratien in Nordost- und Mittelost-Europa . Bei ihnen, da  der Staat noch ärmer und Sponsoren oder Mäzene noch seltener als anderswo sind, dominiert die ökonomische Frage alles, droht Kultur zum Luxus zu werden. Hinzu kommt, daß der lange Ausschluß von der Entwicklung der freien Welt Nachholbedarfe aufgestaut hat, die nun befriedigt sein wollen - was mangels finanzieller Basis oft zur Übernahme westlicher Trivialkultur (McDonaldisierung) führt.
Über lange Perioden der Geschichte haben Nationen überlebt, weil sie der Fremdherrschaft eine starke kulturelle Identität entgegenzusetzen wußten; Polen ist dafür ein erstklassiges Exempel; die Sängerfeste der Balten, die „singende Revolution“ der Litauer oder die friedliche Erhebung der Ostdeutschen sind andere.
Der Wille zur Eigenständigkeit, zum eigenen Ausdruck, das Bewußtsein für die Geschichte, die nationalen und regionalen kulturellen Sonderheiten haben Völkern immer wieder die Kraft gegeben, der Unterdrückung zu widerstehen und Freiheit sowie kulturelle Identität zurückzugewinnen. Die Lehre daraus lautet: Wo Menschen selbstbestimmt leben, wo sie ihre Orientierungen haben, ihre eigene Kultur pflegen, haben Friede und Friedfertigkeit eine größere Chance.
Es wäre verhängnisvoll, wenn heute, da viele europäische Völker die langersehnte Freiheit wiedererrungen haben, ihre kulturelle Identität auf dem Marsch ins globale Ökonomiedorf verloren ginge.
Was braucht unsere Zeit ? Was brauchen die Menschen im Norden, die „auf der Wanderdüne der Weltwirtschaft“ leben (so der ehem. Polnische Botschafter J. Reiter), die von den natürlichen Umständen und der Geoökonomie her nicht eben reich beschenkt sind?
Sie brauchen das, was sie geschichtlich geprägt, was ihre Identität geformt hat, in zeitgenössisch revitalisierter Form:
- einen modernen Glauben; nicht nur, weil er
Rückhalt geben kann, sondern weil er eine starke Investition in die Entwicklung einer Weltethik (Küng) sein kann;
- die Pflege des kritischen Geistes, weil ohne
ihn ökonomische, soziale und politische Innovationen undenkbar sind;
- die Promotion der Künste i.w. Sinne, denn
sie sind die plurale und unerschöpfliche Quelle von Phantasie und Kreativität ebenso wie Basis interregionaler Verständigung.
Zwei Anregungen in diesem Zusammenhang seien gestattet:
Erstens: Geschichte des Nordens
Um die Vergangenheit zu vergegenwärtigen, aufzuklären über Herkünfte, Werdegänge, Irrungen, Wirrungen, Gemeinsamkeiten: eine von zehn historischen Instituten aus den nordischen Staaten gemeinsam erarbeitete, wissenschaftlich fundierte, aber leicht lesbare „Geschichte des Nordens/der Ostseevölker“.
Zweitens: Kultur als Wegweiser
Die kulturelle Dimension spielt im heutigen Netzwerk des Nordens nur eine untergeordnete Rolle, mehr noch; sie wird zumeist als Marketing- oder Imagefaktor dem Ökonomischen und Politischen untergeordnet. Daß der Kultur originäre Funktionen eignen -  sie kann historisches Gedächtnis sein, vitalisiert sinnliche Wahrnehmung, ist Phantasie- und Kreationsbasis - wird selten hinreichend erkannt und gewürdigt.
Sinnvoll wäre:
- die kulturelle Begegnung im Norden intensiver und breiter zu fördern, also eher klotzen denn kleckern;
- mit einem ausgeklügelten Sponsoren- und
Mäzenaten-Konzept die Wirtschaft des Landes und mit Hilfe einer Stiftung „Ars Baltica“ potentielle Stifter für die nordorientierte Kulturförderung gewinnen.
Sich in einer Zeit ökonomischer und finanzieller Zwänge eine „Mare-Balticum-Region“ vorstellen, in der Kultur einen autonomen, hohen Stellenwert besitzt, mag naiv klingen. Aber, wenn selbst solch‘ bescheidene Hoffnungen nicht realisierbar wären - welche Visionen vom blühenden Norden wären es dann?
„Europa wird entweder kulturell bestehen oder gar nicht“, sagte vor einiger Zeit der Doyen der französischen Historiker, Jaques Le Goff. Eine bedenkenswerte Aussage auch für den Norden des Kontinents.

 

Gesichte der Nehrung

Bearbeitung: Rimante Cerniauskaite – Vidmantiene, Jurgita Aniunaite

Das Gesicht der Nehrung ändert sich schnell. Deshalb ist es wichtig, seine Gegenwart und Vergangenheit, wie sie sich in den Gesichtern und Lebensgeschichten der älteren Bewohner der Nehrung spiegelt, festzuhalten. Eine Bewohnerin Nidas hat uns einmal erzählt, sie habe sehr viele alte Fotos und werde sie wohl verbrennen, denn sie wisse nicht, wohin mit ihnen. So entstand die Idee, eine Ausstellung und einen Katalog mit Lebensgeschichten vorzubereiten. Individuelle Erinnerungen, wie sie in diesem Katalog publiziert sind, haben ihr eigenes Zeitgefühl und ihre eigene Wahrheit. Wir haben versucht, auch den „Originalton“ ihrer Erzähler zu erhalten. Wir hoffe, dass die hier versammelten Texte als Bereicherung für den Geschichtsunterricht dienen werden und den Gästen der Nehrung eine gute Möglichkeit eröffnen, sich dem kollektiven Gedächtnis der Kurischen Nehrung anzunähern.

Faltblätter

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Zum 5. Jahrestag der Eröffnung des Kulturzentrums ist ein Almanach auf litauisch erschienen.

Almanach

Dieser Band versammelt Einzelbeiträge von Mitgliedern des Kuratoriums, von Freunden und Wegbegleitern des Zentrums.

 

 

 

Onkel Toms Hütte

Rezension von Heiko Stern

Dem "Marbacher Magzin" kommt das Verdienst zu, nicht nur wohl ausgestattete Veröffentlichungen zu den Ausstellungen des Marbacher Literaturarchivs vorzulegen, sondern auch in unregelmäßiger Folge zweisprachige Sonderhefte zu einem deutschsprachigen Autor und einem für ihn prägend gewordenen Ort zu publizieren. So erschienen in dieser Reihe bereits Bände zu Paul Celan und Czernowitz (deutsch/ukrainisch), Karl Kraus und Janowitz (deutsch/tschechisch) und Rainer Maria Rilke und Jasnaja Poljana (deutsch/russisch). Im letzten Jahr ist auch ein Band zu Thomas Mann und Nidden erschienen, ebenfalls zweisprachig (deutsch/litauisch) und in ebensolcher Ausstattung - das heißt als reich bebilderte Englische Broschur - wie die drei anderen Bände. Besorgt wurde diese Ausgabe von Thomas Sprecher.

Das Magazin gibt einen Überblick über die Aufenthalte Thomas Manns in Nidden in den Jahren 1929 bis 1932, also von dem Zeitpunkt, da er - mit Hilfe seines Nobelpreisgeldes - plante, sich in Nidden eine Sommersitz zu errichten, bis zu jenem Sommer, da er es aufgrund der zunehmenden Dominanz der Nationalsozialisten auch im nahen Ostpreussen vermied, weiterhin auf die Kurische Nehrung zu kommen. Drei Sommer lang sollte er jenes, an den Baustil der kurischen Fischerkaten angelegte Häuschen bewohnen, immer in der Begeleitung seiner Frau und seiner drei jüngsten Kinder. Nur selten liessen sich die drei älteren - Klaus, Erika und Golo - dort blicken. Für sie, die Weltgewandten, war Nidden wohl zu provinziell, wenig geeignet, die eigenen Sehnsüchte nach einer kreativen Umgebung zu stillen, selbst wenn sich Klaus Mann 1931 in einem Artikel für eine Berliner Zeitung im Anblick der Dühnen an Afrika erinnert fühlt: "Saharalandschaft, ja. Saharalandschaft hat dieser Fleck auf der Nehrung. (...) Nirgends in Europa war ich je so weit fort von Europa." Er selbst, wie die ganze Mann-Familie, wird in den Folgejahren jedoch wirklich noch weit fort von Europa leben müssen...

Als die Nazis 1939 auch das Memelland unter ihre Herrschaft bringen, wird das Sommerhaus der Manns beschlagnahmt und geht als "Jagdhaus Elchwald" in den Besitz Hermann Görings über. Nach dem Krieg lehnt Thomas Mann alle Angebote, das Haus wieder zu übernehmen oder es zumindest zu besuchen, höflich aber bestimmt ab; in den 60er Jahren wurde es Bibliothek und einzige Gedenkstätte für einen deutschen Schriftsteller in der Sowjetunion. Nach mehreren Restaurierungen wurde das Thomas-Mann-Haus 1996 neu eröffnet, um nun unter seinem Dach zwei Institutionen zu beherbergen: das Thomas-Mann-Museum und das Thomas-Mann-Kulturzentrum. Das Museum versammelt Dokumente zum Aufenthalt der Manns in Nidden, die teilweise auch im vorliegenden Band abgedruckt sind. Das Kulturzentrum richtet wissenschaftliche Konferenzen, Seminare für den akademischen Nachwuchs und literarische Begegnungen aus. Beide Einrichtungen machen das Thomas-Mann-Haus zu einem wichtigen Ort des Niddener kulturellen Lebens.

Der Band nun gibt über all dies einen Überblick, über die Geschichte der Nehrung, des Ortes und des Hauses selbst; zeichnet anhand von Selbst- und Fremdzeugnissen den Alltag der Manns in Nidden nach, vermittelt den spröden Reiz der Landschaft auch auf die schöpferischen Momente, die Thomas Mann in Nidden wahrnahm. Während seiner Aufenthalte hatte er sich neben publizistischen Arbeiten vor allem der Arbeit am zweiten und dritten Band der "Joseph"-Tetralogie gewidmet. In Briefen und Reden (insbesondere in seinem 1991 in München gehaltenem Vortrag "Mein Sommerhaus") finden Land- und Ortschaft immer wieder Erwähnung. Nicht ohne naive Ironie schildert es beispielsweise im "Sommerhaus" seine Begegnung mit einem Elch: "Der Anblick des ersten Tieres ist ein sehr imposanter Eindruck, in dieser eigenartigen Umgebung, die großen wilden Tiere zu sehen. Sie sind eine Mischung aus Rind, Pferd, Hirsch, Kamel und Büffel, sehr langbeinig mit breit ausladendem Geweih..." Nicht ohne innere Distanz sind all diese eigenen Beschreibungen der natürlichen Umwelt des Sommersitzes, und nur selten ist wahrhafte Begeisterung spürbar.

Thomas Sprecher ist es gelungen, das vorhandene Material weitestgehend zu erschließen und in dem Büchlein zu versammeln. Für Mann- und Nidden-Kenner gibt es beim Lesen wohl kaum Entdeckungen zu machen, für viele andere jedoch dürfte "Thomas Mann in Nidden" ein gelungener literarischer Reise(ver)führer sein. Einige Exkurse (vor allem zur Geschichte Litauens) sind allerdings mehr als dürftig und damit eigentlich überflüssig. Aber als Mitbringsel, ob auf dem Weg nach als auch auf dem von Nidden, ist das Magazin recht gut geeignet. Dieses Heft ist im Thomas-Mann-Haus für 15 Litas erhältlich.
(2001)

Thomas Sprecher (Hg.): Thomas Mann in Nidden. Marbacher Magazin, Sonderheft 89/2000. 112 S.
Thomas Sprecher: Thomas Mannas Nidoje. Marbacho žurnalas, Specialus numeris 89/2000, 112 p., ISBN 3933679397